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GESTALT – Bewegung gegen Demenz

„Gehen, Spielen, Tanzen Als Lebenslange Tätigkeiten“ – Ein Programm für Seniorinnen und Senioren in Erlangen

Zsuzsanna Majzik, Sportamt der Stadt Erlangen Andrea Wolff, Anna Streber, Prof. Dr. Alfred Rütten, Institut für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Ausgangssituation

Demenzielle Erkrankungen sind ein globales Gesundheitsproblem und nehmen infolge der Bevölkerungsalterung in ihrer Bedeutung zu. Nach Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung wird sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland von derzeit 1,1 Millionen Personen bis zum Jahr 2050 auf etwa 2,3 Millionen erhöhen. Zahlreiche Studien empfehlen körperliche Aktivität als präventive Intervention, trotzdem fehlt es bis heute an einer bundesweiten und flächendeckenden Umsetzung eines speziellen Bewegungsprogramms. Das Projekt GESTALT widmete sich der Aufgabe, die Umsetzbarkeit eines solchen nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelten Programms in die Praxis zu untersuchen und geeignete Wege zu erforschen, ältere Menschen für deren Nutzung zu gewinnen.

Ziele

Das Projekt GESTALT zielt auf die Implementation und nachhaltige Sicherung einer multimodalen Bewegungsintervention zur Prävention von Demenz durch die körperliche Aktivierung von Personen im hohen Erwachsenenalter, die ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz zu erkranken.

Als weiteres Ziel sollten im Rahmen der Praxisforschung wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, wie die Zielgruppe der mit typischen Risikofaktoren belasteten älteren Erwachsenen für Präventionsangebote erreicht werden kann und wer geeignete Partner für die Akquise und Durchführung des Programms sein könnten.

Ziele der GESTALT-Intervention sind, einem der Hauptrisikofaktoren für demenzielle Erkrankungen – körperliche Inaktivität – nachhaltig entgegenzuwirken und die Zielgruppe dazu zu befähigen, einen körperlich aktiven Lebensstil aufzubauen und nach dem Ende der Intervention aufrechtzuerhalten. Dabei sollen die kognitiven und körperlichen Ressourcen der Teilnehmenden gestärkt und somit einer Demenz vorgebeugt werden.

Aufbau des GESTALT-Programms

Die GESTALT-Intervention setzt sich aus zwei Modulen zusammen: einem speziellen Bewegungsprogramm und einer individuellen Bewegungsberatung.

Die Inhalte des Bewegungsprogramms gliedern sich in die drei Bereiche „Tanz & Bewegung zu Musik“, „Sport & Spiel“ sowie „Bewegung im Alltag – Gehen“. Dabei wurde stets eine Integration von kognitiven, physiologischen, sozialen und emotionalen Stimulierungen bei den Teilnehmenden angestrebt. Das sechsmonatige Programm hat einen Umfang von 2 x 90 min pro Woche, wobei sich eine Kursstunde immer in ein körperliches Training (60 min) und ein moderiertes Gruppengespräch (30 min) gliedert.

Die begleitende Bewegungsberatung zielt auf die Bindung der Teilnehmenden an körperliche Aktivität und einen aktiven Lebensstil. Im Fokus des Coachings stehen die Integration von Bewegung in den Alltag der Teilnehmenden und die bewusste Wahrnehmung von Bewegungsangeboten im Wohnumfeld zur Aufrechterhaltung der körperlichen Aktivität nach der Intervention.

Ablauf

Das Projekt wurde vom Institut für Sportwissenschaft und Sport (ISS) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg initiiert und wissenschaftlich begleitet und bezüglich der Erreichung der Zielgruppe, Veränderungen der physischen und kognitiven Leistungsfähigkeit sowie des körperlichen Aktivitätsverhaltens vor und nach der Intervention evaluiert.

Das Projekt startete in Erlangen mit einer lokalen Bedingungsanalyse, bei der gleichzeitig mit potentiellen Partnern und Organisationen Kontakt aufgenommen wurde und sie für einen gemeinsamen Planungsprozess, die kooperative Planung, gewonnen wurden. Damit wurde projektbegleitend ein Netzwerk initiiert, welches sich mit der Planung, Durchführung und Nachhaltigkeit des Projekts beschäftigte. Für die Umsetzung von GESTALT konnten fünf Anbieter aus Erlangen (die Volkshochschule, Siemens, medi train als privater Gesundheitssportanbieter, ein städtisches Begegnungszentrum und der Sportverein TV 1848) gewonnen werden.

Nach der erfolgreichen Umsetzung des Programms wurden die Evaluationsergebnisse gemeinsam mit den Partnern der kooperativen Planungsgruppe diskutiert und aus dieser Reflexion heraus neue Strategien mit der Zielsetzung einer stärkeren Fokussierung auf sozial benachteiligte und körperlich inaktive Zielgruppen entwickelt. Daraus resultierte eine neuerliche Durchführung des Bewegungsprogramms und der Bewegungsberatung mit der Volkshochschule als Projektträger (GESTALT 2) und neuen Teilnehmenden. Zur Gewinnung von schwer erreichbaren Zielgruppen wurde unter anderem ein peer-to-peer-Ansatz erprobt.

Seit Oktober 2012 werden systematisch Strategien zur Nachhaltigkeitssicherung und Einbindung von GESTALT in die kommunalen Strukturen verfolgt. Dabei ist die Trägerschaft für GESTALT in Erlangen auf das städtische Sportamt übergegangen. Dessen Aufgabe ist die Planung, Organisation und finanzielle Absicherung der nächsten Kurseinheiten in vier Stadtteilen sowie der Aufbau eines Multiplikatoren-Netzwerks zur aufsuchenden Ansprache von Teilnehmenden. Derzeit findet zudem ein Transfer von GESTALT in den Landkreis statt.

Zielgruppe

Mit dem Projekt wurden verschiedene Zielgruppen erreicht:

  • Präventionsanbieter: Für das Projekt wurden fünf Präventionsanbieter gewonnen, die dazu bereit waren, das seitens der Sportwissenschaft nach Evidenzkriterien entwickelte multimodale Bewegungsprogramm GESTALT in ihren jeweiligen Strukturen umzusetzen und dabei gemeinsam mit den Partnern aus der Wissenschaft Erkenntnisse darüber zu entwickeln, wie ein solches Programm in der Präventionspraxis flächendeckend umgesetzt werden kann.
  • MultiplikatorInnen: Für die Gewinnung von Seniorinnen und Senioren mit einem erhöhten Risiko für Demenzerkrankungen sollten Personen in die Projektaktivitäten eingebunden werden, die durch ihre Arbeit bereits einen Zugang zu älteren Menschen
  • Kooperationspartner und TeilnehmerInnen an den Planungstreffen: Begegnungszentrum (städtisches Stadtteilzentrum) Dreycedern e.V. (Haus der Gesundheit in der 2. Lebenshälfte) Evangelisches Bildungswerk e.V. Gesundheit und Medizin Erlangen e.V. Gesundheitsamt Hausärzte Erlangen und Umgebung e.V. medi train Gbr (Zentrum für Gesundheitssport, Sport- und Physiotherapie) Siemens Sport- und Freizeitanlage Seniorenamt Turnverein 1848 Erlangen Volkshochschule Erlangen Vertreter des ISS Sportamt Erlangen
  • Teilnehmende: Die Intervention zielt auf Erwachsene in höherem Erwachsenenalter (60 plus), die Risikofaktoren für demenzielle Erkrankungen aufweisen, bei denen aber noch keine derartige Erkrankung diagnostiziert wurde. Studien haben eine Vielzahl an modifizierbaren und nicht modifizierbaren Risikofaktoren für Demenzen identifiziert. Modifizierbare Faktoren sind kardiovaskuläre Risikofaktoren (Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht), psychologische Risikofaktoren (Depression) und behaviorale Faktoren (körperliche und kognitive Inaktivität, Rauchverhalten, Alkoholkonsum) und sozio-kulturelle Risikofaktoren (niedriger Bildungsstatus, niedriges Einkommen, alleinlebend, soziale Isolation). Hierbei trägt vor allem ein Mangel an körperlicher Aktivität zu einem großen Anteil der demenziellen Erkrankungen bei.

Insgesamt konnten 78 Personen an der Bewegungsintervention von GESTALT 1 teilnehmen, von denen neun Personen aufgrund von Verletzungen, Erkrankungen und anderen Gründen während des Interventionszeitraums aus der Studie ausgeschieden sind. Die 75 Teilnehmenden, die in die statistische Analyse eingeschlossen werden konnten, waren im Durchschnitt 70,5 (±3,42) Jahre alt (55 Frauen und 20 Männer). 65 Teilnehmende (86,7%) gaben zu Beginn der Intervention an, bereits sportlich aktiv zu sein. Im Durchschnitt besaßen die Teilnehmenden 3,96 (±1,68) Risikofaktoren für Demenz (n=54). Die Fragen zu den Risikofaktoren „Depression“ und „sozialer Isolation“ wurden von den Teilnehmenden bei der schriftlichen Befragung häufig nicht beantwortet.

Im zweiten Durchlauf von GESTALT wurde der Fokus auf die Erreichung sozial Benachteiligter und körperlich inaktiver Personen verstärkt, da es sich hierbei um wichtige Risikofaktoren für Demenz handelt, aber gleichzeitig diese Personen für Interventionen der Gesundheitsförderung am schwersten zu erreichen sind. Es nahmen 41 Personen im Alter von durchschnittlich 72,9 (±6,5) Jahren teil. Rund 50% der Teilnehmenden (33 Frauen, 8 Männer) erfüllten mindestens ein Kriterium für soziale Benachteiligung (Armutsgefährdung, kein/geringer Schulabschluss, kein Berufsabschluss, soziale Isolation) und rund 40% waren vor der Intervention körperlich inaktiv.

Wirkungen

Wirkungen auf die Teilnehmenden: Eine sehr hohe Programmtreue, eine geringe Drop-out-Quote, die positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden und deren Wunsch nach einem Folgeangebot sprechen dafür, dass das Bewegungsprogramm GESTALT sehr gut angenommen wurde und sich positiv auf die Lebensqualität der Seniorinnen und Senioren auswirkte.

Die Testergebnisse des ersten Programmdurchlaufs zeigen, dass sich das Bewegungsprogramm positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden, im Besonderen auf das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis ausgewirkt hat. 60% der Teilnehmenden haben während und nach dem GESTALT-Programm zusätzliche Bewegungsaktivitäten aufgenommen und auch sechs Monate nach der Intervention in Form von neuen Aktivitäten und/oder der Teilnahme an einem Folgeangebot von GESTALT beibehalten. Dadurch wurde das Ziel der Bindung an einen aktiven Lebensstil für eine Mehrzahl der Teilnehmenden erreicht.

Strukturelle Veränderungen: Das GESTALT-Programm konnte nicht nur erfolgreich bei fünf Präventionsanbietern verankert werden, sondern es wurde darüber hinaus eine Koordinationsstelle am Sportamt Erlangen mit Förderung der Techniker Krankenkasse eingerichtet, um GESTALT-Interventionen nachhaltig in Erlangen anbieten zu können. Diese Koordinationsstelle soll künftig über einen Haushaltsbeschluss in den Strukturen der Stadt Erlangen verankert werden. Damit soll das im Rahmen des Pilotprojekts geschaffene Multiplikatoren-Netzwerk zur Erreichung sozial benachteiligter und körperlich inaktiver Seniorinnen und Senioren erhalten und ausgebaut werden, um weiterhin einmal jährlich das GESTALT-Programm zur Aktivierung bislang noch nicht erreichter Seniorinnen und Senioren durchführen und das Angebot weiter ausbauen zu können.

Beteiligung der Zielgruppe

Im zweiten Durchlauf von GESTALT wurden vor dem Hintergrund der Evaluationsergebnisse und dem verstärkten Fokus auf sozial Benachteiligte gezielt ältere Menschen der Zielgruppe in die Planung des Vorhabens und Teilnehmerwerbung eingebunden. Dabei konnten Teilnehmende des GESTALT-Programms aus dem ersten Durchlauf für eine Mitarbeit im Projekt in Form einer peer-to-peer-Werbung gewonnen werden. Die Peer-MitarbeiterInnen nahmen darüber hinaus an den kooperativen Planungssitzungen teil, in die sie ihre Erfahrungen in Bezug auf die Erreichbarkeit sozial Benachteiligter einbringen konnten. Zudem waren Teilnehmende des Bewegungsprogramms aus dem zweiten Durchlauf von GESTALT bei der Planung und Umsetzung einer Großveranstaltung des GESTALT-Projekts beteiligt und trugen dabei wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung bei.

Besondere Merkmale

Das Projekt GESTALT zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es sich mit dem Thema „Alzheimer und Demenz“ einer Thematik annimmt, die inzwischen sehr viele Menschen als Bedrohung ihrer Gesundheit und Unabhängigkeit im hohen Alter empfinden und damit ambivalente Gefühle in Hinblick auf eine gestiegene Lebenserwartung erzeugt. GESTALT zeigt auf, dass Alzheimer und Demenz kein unabwendbares Schicksal sind, sondern bietet praktische Unterstützung dabei, den Lebensstil im Alter aktiver zu gestalten und damit gezielt das Risiko für eine Demenzerkrankung zu verringern.

Durch GESTALT lernen die Teilnehmenden, dass sie ihr Leben auch im hohen Alter noch aktiv gestalten und ihre Gesundheit zum Positiven beeinflussen können. Die regelmäßige körperliche Aktivität im Rahmen des Programms verbessert nicht nur die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, sondern vermittelt Spaß und Geselligkeit. Durch die Vielseitigkeit des Programms greifen die Teilnehmenden sowohl auf Kenntnisse und Fähigkeiten aus ihrem früheren Leben, oft auch aus der Jugend, zurück und erlernen gleichzeitig neue Formen der Bewegung, wie z.B. Thai Chi, Kegeln oder Square Dance.

Die Teilnehmenden profitieren insbesondere von den neu gewonnen sozialen Kontakten zu anderen älteren Menschen, mit denen sie über das Programmangebot hinaus gemeinsame Aktivitäten planen und durchführen. Beispielsweise wurde die gesamte Gruppe zu Geburtstagsfeiern und Kaffee-Nachmittagen nach Hause eingeladen, auch gemeinsame sportliche Aktivitäten wie Boccia-Spielen und Federball werden im privaten Umfeld durchgeführt. Gerade diejenigen Menschen, die bereits ihren Partner verloren haben, haben durch das GESTALT-Projekt eine neue Perspektive für diesen Lebensabschnitt gewonnen.

Mehrwert durch GESTALT

Durch das GESTALT-Programm steht in Erlangen den Seniorinnen und Senioren ein Angebot zur Verfügung, das Menschen systematisch auf verschiedenen Ebenen (körperlich, geistig und seelisch) gleichzeitig mit dem Ziel der Prävention demenzieller Erkrankungen anspricht. Darüber hinaus werden durch GESTALT sozial benachteiligte ältere Menschen gezielt über eine aufsuchende Ansprache gewonnen, die von sich aus bislang noch keinen Zugang zu derartigen Angeboten gefunden haben. Das Angebot ist zudem leicht zugänglich in Hinblick darauf, dass es wohnortnah angeboten wird und bei geringem Einkommen die Möglichkeit zu einer unbürokratischen Gebührenbefreiung bietet.

Durch GESTALT konnte gezeigt werden, dass die Implementation eines gezielten Bewegungsprogrammes zur Demenzprävention in die Praxis vollzogen werden kann. Damit steht der Gesundheitsförderungspraxis ein nachweislich wirksames Mittel zur Vorzögerung von Demenzerkrankungen zur Verfügung, das gleichzeitig dazu beiträgt, die Lebensqualität von Seniorinnen und Senioren zu verbessern. Durch die Erhaltung und sogar Verbesserung der kognitiven und physischen Leistungsfähigkeit trägt GESTALT dazu bei, dass ältere Menschen länger körperlich und geistig aktiv und unabhängig leben können. Dies beinhaltet auch das Potential zu erheblichen Kosteneinsparungen für das Gesundheitssystem.

Informationen

Informationen und einen Film zum GESTALT-Projekt finden Sie auf:
www.big-projekt.de/demenzpraevention-gestalt/

Publikationen

Streber, A., Abu-Omar, K., Rütten, A.: Bewegung zur Prävention von Demenz - ­Ergebnisse der evidenzbasierten Bewegungsintervention - GESTALT. In: Prävention und Gesundheitsförderung (2013), S. 1-7

Rütten, A., Abu-Omar, K., Niedermeier, M., & Schuster, M. (2011). Dementia Prevention by Physical Activity – Evidence and Outline of an Intervention Programme. In O. Dibelius & W. Maier (Eds.). Versorgungsforschung für demenziell erkrankte Menschen (pp. 82–92).

Rütten, A., Abu-Omar, K., Niedermeier, M., Schuster, M., Bracher, B., Gelius, P., & Wiltfang, J. (2009). GESTALT – ein bewegungstherapeutisches Interventionskonzept gegen die Alzheimerkrankheit. Bewegungstherapie und Gesundheitssport, 25, 254–261.

Stadt Erlangen, Sportamt
Ansprechpartnerin: Zsuzsanna.Majzik
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