Der Dolmetscher-Service für das Gesundheits- und Sozialwesen

des Bayerischen Zentrums für Transkulturelle Medizin e.V. in München

MitarbeiterInnen in medizinischen und psychosozialen Praxisfeldern werden zunehmend mit Hilfesuchenden aus anderen Kulturkreisen konfrontiert, denn die schnelle und stetige Zunahme von MigrantInnen im Weltmaßstab ist ein prägendes Phänomen der letzten Jahrzehnte. In Bayern haben über 10% und in München weit über 20% der Wohnbevölkerung einen fremden Pass. Rechnet man MigrantInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit hinzu, wie die Russlanddeutschen, so wird deutlich, dass eine große Zahl der mit uns lebenden Personen Erfahrungen damit haben, sich in unterschiedlichen Kulturen zurechtfinden zu müssen. Die Zahl der MigrantInnen wird auch in Zukunft weiter steigen und die ausländischen BürgerInnen unseres Landes werden mehrheitlich auf Dauer in Deutschland bleiben; 48% von ihnen leben schon jetzt länger als zehn Jahre hier.

Die Effektivität von Serviceleistungen im Sozial- und Gesundheitswesen hängt für einen beträchtlichen Teil dieses wachsenden Personenkreises in starkem Maße von der Bewältigung von Sprachproblemen ab. Daneben kann auch entscheidend sein, ob es gelingt, Erkenntnisse über transkulturelle Sichtweisen von Krankheit, Krisen oder familiären und sozialen Problemen, sowie von Funktion, Aufgabe und gesellschaftlicher Position sozialer Dienste und deren MitarbeiterInnen in die Behandlung zu integrieren.

Werden diese Voraussetzungen erfüllt, kann die Interaktion zwischen Menschen aus anderen Kulturkreisen und Professionellen entscheidend verbessert werden. Mißverständnisse, Behandlungsabbrüche, aber auch Verlegenheitsdiagnosen wie "Mammamiasyndrom", "Anatolischer Kopfschmerz", "Entwurzelungsreaktion" oder "Gastarbeitersyndrom" werden dadurch verringert. Durch die Vermeidung von unnötigen Untersuchungen, Fehlbehandlungen und verlängerten Liegezeiten können zudem Kosten gespart werden.

Das Bayerische Zentrum für Transkuturelle Medizin e.V. in München wurde als eine gemeinnützige Einrichtung von MedizinerInnen, SozialpädagogInnen, Ethnologinnen und VertreterInnen weiterer psychosozialer Berufe 1996 gegründet, um unter einem transkulturellen Verständnis die Gleichstellung von MigrantInnen und anderen kulturellen Minderheiten in gesundheitlichen und sozialen Belangen in Bayern zu fördern (Hegemann, 2000; Lenk-Neumann, 2001).

Die Ziele des Zentrums liegen in:

  • der Verbesserung der Gesundheitsaufklärung und Bildungsarbeit über Zusammenhänge von Kultur, Gesellschaft, Gesundheit und Krankheit.
  • der Förderung von Übersetzungs- und Dolmetscherdiensten im Gesundheits- und Sozialwesen,
  • der Vermittlung von Behandlung, Beratung und Hilfe bei Problemen psychischer, medizinischer und sozialer Art in Bayern,
  • der Hilfestellung beim Umgang mit Angeboten des Gesundheits- und Sozialwesens.

Neben seiner Bildungsarbeit hat das Zentrum seit 1997 im Auftrag und mit Mitteln der Landeshauptstadt München und des Bezirks Oberbayern und in den ersten drei Jahren auch mit einer Aufbaufinanzierung des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit, Familie und Sozialordnung sowie der AOK München einen Dolmetscher-Service für das Gesundheits- und Sozialwesen in München aufgebaut, wie er sich in England, den Niederlanden, Frankreich und zahlreichen anderen Ländern bewährt hat und durch das Ethnomedizinische Zentrum in Hannover vorbildlich in Deutschland eingeführt wurde (Heise et. al., 2000). Die Konzepte orientieren sich an den international anerkannten Standards für Community Interpreting ("Gemeinde-Dolmetschen") (Salman, 2001).

Dazu rekrutiert das Zentrum qualifizierte sprachkundige Personen und schult sie in speziellen Trainingsseminaren in Kommunikations- und Übersetzungstechniken, in die Grundzüge der Organisation des Gesundheits- und Sozialwesens in Deutschland und in der den Grundlagen der transkulturellen Medizin, um einen vergleichbaren Standard wir in den oben erwähnten der Dolmetscher-Diensten zu gewährleisten. Ziel der Weiterbildung wird es sein, DolmetscherInnen dazu zu befähigen, in neutraler Weise das Gesprochene so zu übersetzen, als sprächen PatientIn und Arzt/Ärztin oder andere BeraterInnen dieselbe Sprache. Gleichzeitig müssen die DolmetscherInnen in der Lage sein, die Vermittlung soziokultureller Aspekte und Eigenheiten zwischen Patientinnen und Professionellen angemessen zu vermitteln.

Kreisgrafik der Dolmetschereinsätze nach Sprachen
Liste der Sprache sortiert nach Häufigkeit in Prozent

Zur Zeit verfügt das Zentrum über 90 DometscherInnen, welche für 34 Sprachen übersetzen. Um ein geschlechtssensibles Angebot machen zu können, sind zwei Drittel von ihnen Frauen. Im Jahr 2002 umfassten die häufigsten Sprachen arabisch, türkisch, albanisch, bosnisch/serbisch/kroatisch und vietnamesisch 65% der gesamten Einsätze.

Der vom Zentrum aufgebaute Vermittlungsservice regelt für die Anfrager:

  • die zeitraubende Suche nach passenden DolmetscherInnen,
  • den Kontakt zu den DolmetscherInnen,
  • den Einsatz innerhalb von zwei Arbeitstagen,
  • die Qualitätssicherung
  • die Abrechnung.

Die genannten öffentlichen Förderer garantieren die Grundausstattung für den Vermittlungs-Service und die Schulung der DolmetscherInnen. Dies gestattet den Nutzern eine günstige Kostenstruktur für die einzelnen Einsätze. Durch Pauschalverträge mit Nutzern für viele Dolmetschereinsätze können noch günstigere Bedingungen für diese erreicht werden.

Gern steht der Dolmetscher-Service allen Interessierten für Anfragen unter der Tel.-Nr. (089) 54 29 06 65, der Fax-Nr. (089) 5 23 69 78 und im Internet unter seiner Web-Site www.bayzent.de zur Verfügung.

Literatur

Hegemann T (2000): Das Bayerische Zentrum für Transkulturelle Medizin e.V. in München. In: Th. Heise (Hg.): Transkulturelle Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Aus der Reihe "Das transkulturelle Psychoforum" hg. von Th. Heise & Judith Schouler. Berlin: VWB, Verl. für Wiss. und Bildung.

Heise T, Collatz J, Machleidt W, Salman R (2000): Das Ethnomedizinische Zentrum Hannover und die Medizinische Hochschule Hannover im Rahmen der transkulturellen Gesundheitsversorgung. In: Th. Heise (Hg.): Transkulturelle Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Berlin: VWB, Verl. für Wiss. und Bildung.

Lenk-Neumann B (2001): Das Bayerische Zentrum für Transkulturelle Medizin e.V. in München. In: Fachtagung "Mir geht‘s doch gut – Jugend und Salutogenese". Stadtjugendamt München.

Salman R (2001): Sprach- und Kulturvermittlung – Konzepte und Methoden der Arbeit mit Dolmetschern in therapeutischen Prozessen. In: Hegemann T und Salman R (Hrsg.) Transkulturelle Psychiatrie – Konzepte für die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen. Psychiatrie Verlag: Bonn.

Kontakt

Dr. Thomas Hegemann
Bayerisches Zentrum für Transkulturelle Medizin e.V.
Sandstraße 41
80335 München
Tel. 0172-9632477

Stand der Projektinformation: 2003