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Qualitätsstandards in der Suchtprävention

Qualität in der Suchtprävention lässt sich dadurch erreichen, dass bei suchtpräventiven Maßnahmen Prinzipien der Evidenzbasierung beachtet werden. Die Fachkräfte in der Praxis sollten kontinuierlich zur Kenntnis nehmen, was an Evidenzwissen aus Forschung und Praxis bereits vorliegt und dieses systematisch nutzen. Eine Unterstützung dabei können die Standards, die die bayerischen Suchtpräventionsfachkräfte der Arbeitskreise BAKS (Südbayern) und NAKS (Nordbayern) gemeinsam festgelegt haben, bieten.

Kölner Memorandum: Evidenzbasierung in der Suchtprävention

Das Kölner Memorandum wurde 2014 von der Expertengruppe der "Kölner Klausurwoche" entwickelt und will den Grundstein für die evidenzbasierte Arbeit in der Suchtprävention legen.

Kölner Memorandum

Evidenzbasierte Suchtprävention entspricht der gewissenhaften, kontinuierlichen und systematischen Nutzung der gegenwärtig bestmöglichen theoretisch und empirisch ermittelten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Gemeinsam mit dem Praxiswissen der Fachkräfte sowie dem Wissen der Zielgruppen schafft sie die Basis für die Planung, Implementierung, Evaluation, Verbreitung und Weiterentwicklung von verhältnis- und verhaltensbezogenen Maßnahmen.

Projektbezogene Qualitätsstandards der Suchtprävention in Bayern

Projektbezogene Standards sollen die Qualität suchtpräventiver Projekte in Bayern erhöhen. Sie beschreiben wünschenswerte Handlungsprinzipien und sollen als Orientierungshilfen für die qualitative Einschätzung eigener und fremder Maßnahmen dienen. Grundlage ist eine qualitätssichernde Vorgehensweise im Sinne des Public Health Action Cycle.

Diese Standards orientieren sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie verbinden Wissenschaft und praxisorientiertes Herangehen. Für die in der Suchtprävention tätigen Fachkräfte sollen diese (selbst-)verpflichtenden Charakter haben und darüber hinaus auch strukturelle Wirkungen entfalten. Neuen Fachkräften in der Suchtprävention geben die Standards fachliche Orientierung und unterstützen sie in der Einarbeitung.

Die komprimierte Checkliste erleichtert die planungsbegleitende Selbstreflexion:

Projektbezogene Qualitätsstandards der Suchtprävention – Checkliste

Ziel ist, die Qualität der Suchtprävention in Bayern zu sichern und weiter zu entwickeln. Dies ermöglicht ein erhöhtes Maß an Transparenz und gibt Orientierung für die Ressourcenvergabe.

Bei dieser Qualitätsdiskussion und der Festlegung wünschenswerter Standards handelt es sich um einen kontinuierlichen und systematischen Reflexions- und Lernprozess mit einer regelmäßigen Zielüberprüfung. Es geht um eine Annäherung, d. h. möglichst viele der aufgeführten Standards sollten berücksichtigt werden.

Vernetzung und Zusammenarbeit

Vernetzung und Zusammenarbeit sind die Grundlage für wirtschaftliches und nachhaltiges Projektmanagement.

  • Suchtpräventive Projekte sollten im Netzwerk umgesetzt werden mit inhaltlich und organisatorisch beteiligten Institutionen/ Organisationen, regionalen Akteur*innen und Potentialen in und außerhalb des Suchthilfesystems (z.B. innerhalb der eigenen Organisation, mit Beratungsstellen, Quartiersmanagement, Gleichstellungsbeauftragten, Polizei, Schulen, Vereinen, politischen Entscheidungsträger*innen und Gesundheitsnetzwerken, usw.).
  • Eine regionale Koordination ist für die Organisation des Netzwerks notwendig, um die Bedarfe, Ziele, Strategien, Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam zu erarbeiten und durchzuführen und so Parallelstrukturen zu vermeiden. Finanzielle und personelle Ressourcen sollten sich ergänzen.
  • Im Auftrag des Netzwerkes können administrative und politische Unterstützung eingefordert werden.
  • Orientierung bieten überregionale Netzwerke der bayerischen Suchtprävention wie der Landesarbeitskreis Suchtprävention (LAK), BAKS und NAKS. Darüber hinaus ermöglicht das Onlineportal für Suchtprävention PrevNet auf www.inforo.online Fachkräften bundesweite Vernetzung und interdisziplinär Wissens- und Erfahrungsaustausch.

Bedarfsanalyse

Maßnahmen sind sinnvoll, wenn sie sich am tatsächlichen Bedarf orientieren. Um diesen zu ermitteln sollte vor der Planung präventiver Aktivitäten eine Bedarfsanalyse für das Einzugsgebiet erstellt werden.

Für eine Bedarfsanalyse eignen sich z. B.

  • Daten der Gesundheitsberichterstattung (GBE) wie unter www.lgl.bayern.de, des Robert-Koch-Instituts www.rki.de, des Statistischen Bundesamtes www.destatis.de oder (eigene) Sozialraumanalysen
  • Ergebnisse durch Einbindung der Zielgruppe
  • Interdisziplinäre Fachmeinungen und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse
  • Ermittlung der bereits vorhandenen regionalen suchtpräventiven Akteur*innen, Aktivitäten und Ressourcen im Rahmen einer Ist-Standanalyse, um Parallelstrukturen zu vermeiden.

Siehe auch Partizipation

Klar formulierte Zielsetzung

Die Ziele eines Projektes bauen auf den Ergebnissen der Bedarfsanalyse auf. Sie sind die Grundlage von der Projektplanung bis hin zur Festlegung der Erfolgskriterien für die Evaluation und deren Überprüfung.

  • Die Akteur*innen und Kooperationspartner*innen einigen sich hierzu auf ein gemeinsames Verständnis von Suchtprävention und ihre präventive Gesamtstrategie.
  • Die Zielgruppe ist in die Festlegung der Ziele einbezogen (siehe Partizipation).
  • Die suchtpräventiven Aktivitäten zielen darauf ab, die individuellen  Bewältigungsmöglichkeiten (Empowerment) sowie die gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen der ermittelten  Zielgruppe(n) nachhaltig zu verbessern (Setting-Ansatz).
  • Die Ziele sollen verständlich, konkret, erreichbar, überprüfbar sein. Einen Orientierungsrahmen hierfür bilden z.B. die SMART-Kriterien (spezifisch, messbar, aktuell, realistisch, terminiert).

Siehe auch Partizipation, Konzeptionelle Einbindung und Setting

Zielgruppenanalyse

Eine präzise Zielgruppenanalyse ist Voraussetzung für eine bedarfs- und zielgruppenorientierte Maßnahmenplanung und -durchführung.

  • Die Zielgruppe ist im Konzept des Angebotes präzise bestimmt (Analyse nach z.B. Alter, Geschlechtsidentität, Milieu, Migrationshintergrund, Bildungsstand, Kenntnisstand, Rolle/Funktion, Kontext, Verbindlichkeitsgrad).
  • Das Angebot berücksichtigt die besonderen Bedarfslagen und Möglichkeiten dieser Gruppe(n) und ist in seiner Anlage darauf ausgerichtet, diese zielgenau zu erreichen (niedrigschwellig).
  • Interkulturelle/transkulturelle und gendersensible Gesichtspunkte werden beachtet.
  • Bei der Beschreibung der Zielgruppen wird in Zielpersonen universeller, selektiver und indizierter Prävention unterschieden.

Siehe auch Diversitykompetenz

Genderkompetenz

Die Qualifikation einer fachlich basierten Genderkompetenz beinhaltet das Grundwissen über die Struktur von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen; dazu gehören die Wirkung von Geschlechtsrollenstereotypen und Kenntnisse der Ergebnisse der Geschlechterforschung.

  • Auf genderkompetentes Vorgehen – geschlechterdifferenzierende Problemdefinitionen – wird bei der Projektplanung und -durchführung (einschließlich der Bewertung des Handelns) geachtet.
  • Fachspezifisches Wissen über unterschiedliche Konsummuster, Konsummotive, Risiko- und Schutzfaktoren, Suchtverläufe bei Frauen* und Männern* ist vorhanden.
  • Bei den Zielgruppen müssen geschlechtsspezifische und inter-/transgeschlechtliche Anliegen und Stärken, Resilienzfaktoren und Ressourcen gleichermaßen berücksichtigt werden

Diversitykompetenz

Diversitykompetenz kann als ein zentrales Qualitätsmerkmal betrachtet werden, weil sie die Möglichkeit bietet, unterschiedliche Zielgruppen und durch sie die Individuen bedarfsgerecht zu erreichen.

  • Qualität in der Suchtprävention erfordert die Entwicklung einer ausgeprägten Sensibilität für die Vielfalt subjektiver Lebenslagen.  Auf dieser Basis werden vorwärtsweisende Handlungsstrategien konzipiert.
  • Jedes Präventionsvorhaben erfordert den Einbezug der Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten der angesprochenen bzw. betroffenen Menschen.
  • Primäre Werte einer Persönlichkeit sind Geschlechtsidentität/Gender, Alter, Ethnie/kultureller Hintergrund, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion/Weltanschauung. Das bedeutet ein Individuum oder eine Gruppe ist immer heterogen (vielfältig) und einzigartig zusammen gesetzt.

Settingorientierung

Die Bedingungen in den Settings / Lebenswelten, z.B. am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Wohnumfeld (Nachbarschaft) haben einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit, ein gesundes Leben zu führen.

  • Projekte werden darauf ausgerichtet, neben den eher befähigenden personenbezogenen Maßnahmen die strukturellen gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen dieser Zielgruppe(n) nachhaltig zu verbessern.

Siehe auch Bedarfsanalyse

Partizipation

Die Beteiligung der Zielgruppe und die Wirksamkeit eines Projektes stehen in direktem Zusammenhang.

  • Die Beteiligung / Partizipation der Zielgruppe bedeutet nicht nur Teilnahme, sondern auch aktive Teilhabe (Entscheidungskompetenz) bei allen wesentlichen Fragen der Projektgestaltung.
  • Die Zielgruppe soll befähigt werden – Empowerment – ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und Wünsche, Ideen und Vorstellungen bei der Planung, Umsetzung und Durchführung suchtpräventiver Aktivitäten einzubringen.
  • Partizipation ist somit ein Entwicklungsprozess, bei dem die Zielgruppe bereits in der Planung zunehmend Kompetenzen gewinnt, um aktiv Einfluss auf Entscheidungen nehmen zu können.

Kombinierte Strategie

Sucht und Risikoverhalten entstehen unterschiedlich ausgeprägt in der Wechselwirkung personaler, lebensweltbedingter und suchtmittelspezifischer Einflussfaktoren, nach denen Präventionsmaßnahmen differenziert werden.

  • Suchtmittelspezifische und -unspezifische Projekte orientieren sich an Zielgruppen (universell, selektiv, indiziert) und Settings (Familie, Schule, Freizeit, Gemeinde).
  • Für die Umsetzung einer Gesamtstrategie werden Methoden der Verhältnis- und der Verhaltensprävention gewählt.
  • Neben der Arbeit mit den Zielgruppen ist der Einbezug von den jeweils verantwortlichen Multiplikator*innen z. B. Lehrkräfte, Eltern, Jugendleiter*innen, die zentrale Vorgehensweise.

Ressourcenanalyse

Unter Beachtung eines verantwortlichen Umgangs mit Ressourcen sollte der zu erwartende Nutzen und die Kosten der Maßnahme in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen.

  • Die Ressourcen der Netzwerkpartner*innen und der Zielgruppen (finanzielle, personelle, zeitliche usw.) sollten berücksichtigt werden.
  • Zur Ressourcen schonenden Planung ist die Kenntnis über bereits erfolgreich evaluierte Projekte bzw. Best Practice Modelle und deren Transferoptionen eine wichtige Voraussetzung.
  • Zur Orientierung und kritischen Selbsteinschätzung werden bewährte Arbeitshilfen zur Qualitätssicherung wie z. B. die Checkliste zu Projektbezogenen Standards der Suchtprävention in Bayern, bzw. www.quint-essenz.ch verwendet.

Konzeptionelle Einbindung

Suchtprävention ist ein langfristiger Prozess, der sich immer wieder aktuellen Bedarfen anpassen muss.

  • Projekte sind keine isolierten Einzelmaßnahmen, sondern Teil einer suchtpräventiven Gesamtstrategie.
  • Die Strategie ist schriftlich fixiert und zieht sich als roter Faden durch alle Aktivitäten.
  • Ziel sind Kontinuität (personell, zeitlich) und Nachhaltigkeit.
  • Erfolgreiche Projekte werden dokumentiert, langfristig implementiert und verstetigt.

Siehe auch Dokumentation und Evaluation

Öffentlichkeitsarbeit

Die öffentliche Wahrnehmung und somit auch die Öffentlichkeitsarbeit sind wichtige Bestandteile eines nachhaltigen Suchtpräventionsprojektes.

  • Öffentlichkeitsarbeit wird bereits in der Ziel- und Strategieplanung als wichtiges Element eines Projektes vorgesehen.
  • Als Teil der Gesamtstrategie ist sie im Netzwerk abzustimmen.
  • Das Netzwerk bedient sich regionaler Medien, aber auch der jeweiligen Informationssysteme der Partner*innen.
  • Darüber hinaus ermöglicht das Fachportal für Suchtprävention PrevNet auf www.inforo.online/prevnet, Akteur*innen, Netzwerke und Maßnahmen zu präsentieren. Das genannte Internetportal fördert auch den interdisziplinären Fachaustausch.

Dokumentation und Evaluation

Zur Nachvollziehbarkeit, zur Überprüfung der Wirksamkeit und zur Übertragbarkeit einer Maßnahme sind Dokumentation und Evaluation erforderlich.

  • Die Maßnahmen werden mit www.dotsys-online.de erfasst und die Projektschritte detailliert dokumentiert.
  • Für jede Maßnahme ist das evidenzinformierte, begründete Wirkmodell entscheidend.
  • Ob das Projekt wie geplant umgesetzt und die angestrebte Zielgruppe erreicht wird, ist anhand der Prozess- und Strukturevaluation zu überprüfen. In der Praxis wird das eigene Handeln bestmöglich systematisch bewertet. Ein Wirksamkeitsnachweis ist Aufgabengebiet der Forschung.

Siehe auch Klar formulierte Zielsetzung

Quellen

Die hier vorgestellten Standards stützen sich auf die einschlägigen Materialien zur Qualitätssicherung in der Gesundheitsförderung und speziell der Suchtprävention.

Berücksichtigt wurden:

Im Auftrag von NAKS und BAKS haben an dieser Selbstverpflichtung mitgearbeitet:

Aiglstorfer Hildegard, Grünbichler Benjamin, Heyn Martin, Kern Luitgard, Maier Britta, Riemer Lothar, Rumrich Renate, Seider-Rosenlehner Sylvia, Spahn Marianne

Neue überarbeitete Fassung 2018:

Aiglstorfer Hildegard, Kern Luitgard, Rumrich Renate, Seider Sylvia

Fachtagung "Qualität in der Suchtprävention"

Zur weiteren Information sei ebenfalls auf die gemeinsame Fachtagung „Evidenz schaffen für die Wirksamkeit suchtpräventiver Maßnahmen“ des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2013 hingewiesen. Die bundesweit dritte Tagung zur Qualität in der Suchtprävention hatte die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis ebenso zum Thema wie den wissenschaftlichen Blick auf Projekte aus der Praxis, die zielorientierte Projektplanung, erfolgreiche Kommunikation über bewährte und neue Wege und die Arbeit in Netzwerken.

Qualität in der Suchtprävention

Evidenz schaffen für die Wirksamkeit suchtpräventiver Maßnahmen

Dieser Band dokumentiert die Fachtagung "Qualität in der Suchtprävention" vom 24. und 25. Juni 2013 in Augsburg.

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