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Situation in Deutschland und Bayern

Trends in den drei Hauptbetroffenengruppen in Bayern verlaufen unterschiedlich

Ende des Jahres 2017 lebten laut der aktuellsten Schätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland mehr als 86.100 HIV-positive Menschen, über 11.700 von ihnen in Bayern. Die Zahl der Menschen, die sich 2017 neu mit HIV infiziert haben (Neuinfektionen) ist gegenüber den Vorjahren leicht rückläufig. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt ihre Zahl bundesweit auf rund 2.700. Für Bayern schätzt das RKI die Zahl der Neuinfektionen auf 340.

Bundesweit ging die Anzahl der geschätzten HIV-Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), seit den Jahren 2012 und 2013 zurück. Bei Personen mit intravenösem Drogenkonsum (IVD) sowie Personen, die sich in Deutschland auf heterosexuellem Weg infiziert haben, ist die Anzahl der HIV-Neuinfektionen seit 2012 auf niedrigem Niveau angestiegen (siehe Abbildung 1).

Verlauf der HIV-Neuinfektionen in Bayern zwischen 1975 und 2017
Abb. 1: Verlauf der HIV-Neuinfektionen in Bayern zwischen 1975 und 2017 getrennt nach Transmissionsgruppen
Quelle: Robert Koch-Institut, HIV/AIDS in Bayern – Eckdaten der Schätzung - Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts 2018

Der Rückgang der Neuinfektionen in der Risikogruppe der MSM ist primär auf die effektive und frühere Behandlung von HIV-Infizierten und die gestiegene Testbereitschaft und frühere Diagnose von Infektionen zurückzuführen. Die Präventionsanstrengungen scheinen Früchte in der Hauptrisikogruppe MSM zu tragen.

Immer noch mehr neu Infizierte als neu Diagnostizierte

In Deutschland haben sich in den letzten Jahren im selben Zeitraum mehr Menschen neu infiziert, als neu diagnostiziert wurden. Für das Jahr 2017 nennt das RKI die folgenden Daten: In der Transmissionsgruppe MSM stehen 1.900 Erstdiagnosen der Zahl von geschätzt 1.700 Neuinfektionen und einer Zahl von etwa 7.800 noch nicht diagnostizierten Infektionen gegenüber. In der Gruppe mit heterosexuellem Übertragungsweg wurden etwa 390 HIV-Infektionen diagnostiziert, es kam geschätzt zu 680 neuen Infektionen und insgesamt etwa 2.500 HIV-Infektionen blieben unentdeckt. In der Gruppe der IVD gab es etwa 110 Erstdiagnosen, es kam geschätzt zu 290 neuen Infektionen und insgesamt gibt es etwa 1.000 noch nicht diagnostizierte HIV-Infektionen in dieser Gruppe.

Späte Diagnosen - Zunahme der HIV-Infizierten, die nichts von ihrer Infektion wissen

Nach Schätzungen des RKI leben in Deutschland etwa 11 400 Menschen, deren HIV-Infektion noch nicht diagnostiziert ist, in Bayern wird diese Zahl auf mindestens 1.400 geschätzt. Da diese Personen häufig erst mit weit fortgeschrittener HIV-Infektion positiv getestet werden („late presenter“), haben sie in der Zwischenzeit möglicherweise unwissentlich weitere Menschen mit HIV angesteckt. Zudem weisen sie bei Diagnosestellung häufiger AIDS-assoziierte Infektionen auf, die auch heute noch tödlich verlaufen können. Die Ursachen für das späte Testen sind multipel:

  • Menschen werden durch bestehende Testangebote nicht erreicht oder fühlen sich nicht angesprochen.
  • Verdrängung/Unwissen eines tatsächlichen persönlichen Risikos.
  • (Immer noch) Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung bei positiver Diagnose.
  • Ausblendung durch die behandelnden Ärzte (Patienten passen nicht in die „Schublade“).
  • Fehlende Befragung zur gelebten Sexualität in der ärztlichen Sprechstunde.

Während an anderer Stelle die Präventionsstrategien Erfolge zeigen, bleibt der Anteil der Neudiagnose mit fortgeschrittenem Immundefekt (CD4-Wert < 200 Zellen/µl Blut) in den letzten Jahren sehr konstant. Die durch die HIV-Testung am schlechtesten erreichte Gruppe sind die Heterosexuellen, bei denen der Anteil mit fortgeschrittenem Immundefekt bzw. einer AIDS-definierenden Erkrankung in den letzten 10 Jahren etwa 35 % bzw. 18 % betrug (im Vergleich MSM 30 % bzw. 14 %). Die HIV-Epidemie in dieser Gruppe wird im Wesentlichen über sexuelle Kontakte zu IVD, MSM und im Ausland mit HIV infizierten Personen gespeist.

Im Gegensatz zu den jüngeren Altersgruppen, wo noch ein nennenswerter Anteil von Infektionen bei Tests in Beratungsstellen und bei niedergelassenen Ärzten gefunden wird, steigt in höheren Altersgruppen der Anteil später Diagnosen weiter an.

90-90-90 – das Ziel für 2020

Das Programm der Vereinten Nationen für HIV/ AIDS (UNAIDS) hat weltweit bis zum Jahr 2020 zum Ziel, dass 90 % der Infizierten von ihrer Diagnose wissen, davon sollen 90 % behandelt sein und davon wiederum soll bei 90 % das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar sein. Bayern liegt ähnlich wie der Bundesdurchschnitt derzeit bei 88-92-95 (siehe Abbildung 2). Um das Ziel zu erreichen, müssen noch mehr Infizierte getestet werden. Der Weg geht nur über die weitere Verbesserung der Inanspruchnahme von Testangeboten. Inwieweit die seit Kurzem verfügbaren Heimtests und die in der Erprobungsphase befindlichen Einsendetests dazu beitragen, wird sich zeigen.

Versorgungskaskade in Bayern im Jahr 2017
Abb. 2: Versorgungskaskade in Bayern im Jahr 2017: Anteile der Menschen mit HIV, die diagnostiziert, behandelt und erfolgreich behandelt werden
Quelle: Robert Koch-Institut, HIV/AIDS in Bayern – Eckdaten der Schätzung - Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts 2018 (modifiziert)

Therapie als Prävention

Seit 2015 empfehlen die HIV-Behandlungsleitlinien jede diagnostizierte HIV-Infektion in Deutschland umgehend antiretroviral zu therapieren. Der Anteil der Personen, die mit einer HIV-Infektion diagnostiziert wurden und eine antiretrovirale Therapie erhalten, ist von 78 % im Jahr 2006 auf 92 % im Jahr 2017 angestiegen.

Ausblick

Ausblick

In kurzen Abständen fielen die Startschüsse zu zwei neuen Meilensteinen der HIV-Prävention, von denen ein Effekt auf den Rückgang der Neuinfektionen erhofft wird, die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und der Heimtest. Beide werden allerdings auch kontrovers diskutiert.

Präexpositionsprophylaxe

Zielgruppe für die PrEP sind HIV-negative Menschen mit hohem HIV-Infektionsrisiko. Zwei Wirkstoffe werden vorbeugend als fixe Kombination eingenommen (Emtricitabin +Tenofovirdisoproxil) – entweder kontinuierlich einmal am Tag oder vor und nach einem Risikokontakt („anlassbezogen“). Eine ärztliche Betreuung und gegebenenfalls weitere Beratungskompetenzen sind unbedingt notwendig. Nebenwirkungen wie Nierenschäden oder eine Verminderung der Knochendichte können auftreten. PrEP-Nutzer müssen wissen und daran erinnert werden, dass die PrEP nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützt und regelmäßige Tests unabdingbar sind. Sie müssen darüber aufgeklärt werden, dass die PrEP nur wirksam ist, wenn die Einnahme korrekt erfolgt. MSM, die PrEP nutzen, werden relativ gut durch Beratungsangebote erreicht. Andere Risikogruppen zu erreichen, die von der PrEP sehr profitieren könnten, wie SexarbeiterInnen, ist aufgrund von Sprachbarrieren, fehlendem Krankenversicherungsschutz usw. eine Herausforderung.

Die Kombination Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil stellt kein vollständiges Behandlungsschema dar. Kommt es unter PrEP doch zu einer (unerkannten) HIV-Infektion, können sich resistente Viren bilden.

HIV-Heimtest

Seit Ende September 2018 können auch in Deutschland in Drogeriemärkten, Apotheken oder im Internet HIV-Schnelltests für die „Heimdiagnose“ gekauft werden. Hierdurch können Menschen erreicht werden, die bisher durch emotionale, logistische oder strukturelle Gründe daran gehindert wurden, Testangebote in AIDS-Hilfen oder Gesundheitsämtern wahrzunehmen.

Kritiker warnen vor Fehlinterpretationen bei Unterschreitung des diagnostischen Fensters von 12 Wochen oder bei unsachgemäßem Gebrauch. Ein falsch negatives Ergebnis durch fehlerhafte Anwendung kann unter Umständen größeren Schaden verursachen, ebenso der vorsätzliche Missbrauch, zum Beispiel in Abhängigkeitsverhältnissen wie der Prostitution.

Quellen

Stand: 28. November 2018