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19. Bayerisches Forum Suchtprävention

24. und 25. Oktober 2017

Fort- und Weiterbildung, Diskussion aktueller Entwicklungen, Vorstellung von Modellen guter Praxis, Expertengespräche, Erfahrungsaustausch und Vernetzung: Mit diesen Schwerpunkten ist das Forum Suchtprävention ein wichtiger und langjährig bewährter Termin für Fachkräfte der Suchtprävention in Bayern.

Beiträge

19. Bayerisches Forum Suchtprävention

Ein Jahr NpSG – was hat sich verändert?

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Christine Pagel
Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, München

Das Gesetz schließt eine wichtige Strafbarkeitslücke, wo weder das Arzneimittelgesetz (AMG) noch das Betäubungsmittelgesetz (BTMG) greifen. An dieser Stelle offenbaren sich allerdings auch gewisse Schwierigkeiten im Vollzug. Einige Stoffe sind noch nicht erfasst und müssen in das Gesetz aufgenommen werden. Das Angebot ist weiterhin hoch, aber neue Drogen gelangen langsamer auf den Markt. Auch die Bandbreite der verfügbaren NPS scheint zurückgegangen zu sein.

Das Gesetz beabsichtigt den Einzelkonsumenten weniger zu belangen und zielt auf den gewinnorientierten Handel ab. Je nach Tatbestand kann die Einordnung auch als Verbrechen erfolgen, nicht nur als Vergehen. Stoffe, die dem BTMG unterliegen, können ein höheres Strafmaß nach sich ziehen als Stoffe, die dem AMG unterliegen.
Das Bewusstsein über Gefährlichkeit von NPS ist noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen.

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19. Bayerisches Forum Suchtprävention

Neue psychoaktive Stoffe – Was ist neu am Markt seit dem NpSG?

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Dr. Michael Uhl
Bayerisches Landeskriminalamt, Sachgebiet Chemie, München

Noch bis 2008 gab es nur etwa 300 verschiedene Substanzen. Am häufigsten wurden Cannabis, Cocain, Amfetamin, Ecstasy, Heroin, Crystal (Metamfetamin) und ab und zu LSD konsumiert. Andere Rauschmittel tauchten relativ selten auf. Heute sind es unzählige. Das Aufkommen von Stoffen auf dem Markt und deren Verschwinden dauert oft nicht einmal ein Jahr. Die Nebenwirkungen sind nicht selten völlig unbekannt. Der Konsument weiß nicht, was ihn erwartet. Dennoch sind Menschen bereit Substanzen zu konsumieren, über deren Wirkstärke sie nichts wissen. Die Zahl der Drogentoten in Verbindung mit neuen psychoaktiven Stoffen (NPS) stieg zwischen 2015 und 2016 erheblich. Das gilt auch für die Todesursache Vergiftungen in Verbindung mit Fentanyl. Aufgrund der schwierigen Erkennbarkeit bzw. Feststellungsmöglichkeit ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen. Auch im Zusammenhang mit Gewaltdelikten oder Amokläufen konnten NPS in Haar- und Blutproben nachgewiesen werden.

Zu den Neuen Psychoaktiven Stoffen gehören sog. „Kräutermischungen“, „Badesalze“, Amfetamin-Abkömmlinge, Halluzinogene, sowie Opioide und Sedativa wie z. B. U-47700, Fentanyl, Phanazepam oder Etizolam, Cocain-Imitate. Sie werden je nach Stoffart geraucht (z. B. mit Tabak gemischt), als Kapseln oder in Getränken geschluckt, nasal angewendet oder verdampft. Der Anwenderkreis sind (oft sehr junge) Neulinge, experimentierfreudige, erfahrene Konsumenten oder Konsumenten, die z. B. in der offenen Bewährung oder wegen Urintests (Fahrerlaubnis, Entzugsprogramm) auf schwer nachweisbare Stoffe wechseln. Auch in Schule und Beruf finden sie zur Leistungssteigerung („Hirndoping“) Anwendung.

„Spice“, war das erste bekannte Produkt unter den Kräutermischungen. Dieses angeblich rein pflanzliche Erzeugnis sollte nur aus verschiedenen exotischen Kräutern bestehen. Erst 2009 wurde klar, dass die psychoaktive Wirkung nicht durch natürliche Inhaltsstoffe von Kräutern, sondern allein durch Zusätze synthetischer Cannabinoide erfolgt, die in ihrer Wirkung dem Tetrahydrocannabiol (THC) ähneln. Besonders gefährlich kann hier die Inhomogenität des Packungsinhalts sein, die dazu führt, dass sich die Wirkstoffe als Bodensatz im Tütchen ansammeln, mit der Gefahr der Überdosierung.

Bei den sogenannten „Badesalzen“, “Research Chemicals“ und “Party Pills“ handelt es sich um chemische Substanzen ohne einheitliche Grundstruktur und mit sehr unterschiedlicher Wirkungsweise wie stimulierend, halluzinogen, Emotionen intensivierend.

„Badesalze“ werden meist in ansprechenden Verpackungen angeboten und auch als  Dünger, Reinigungsmittel, Papageienkäfigeinstreu, Meditationspulver uvm. vermarktet. Oft findet sich auf der Verpackung ein versteckter Hinweis auf die tatsächliche Verwendung.

„Research Chemicals“ (RCs), in schlichten Verpackungen als vermeintliche „Laborchemikalien“ verkauft, sind meist ungestreckte Einzelwirkstoffe, teils jedoch mit Synthesenebenprodukten. Gelegentlich sind sie falsch deklariert. Sie kommen häufig aus (industriellen) Syntheselaboren in Fernost und sind preisgünstig. Der Vertrieb erfolgt über das Internet.

Neue Trends bei den „Party Pills“ sind halluzinogene Wirkstoffe oder Substanzen mit verzögertem Wirkungseintritt, was zu „Nachlegen“ und damit auch zu letalen Überdosierungen geführt hat. Hochpotente Pillen werden in extrem kleinen Verpackungen als „Research Chemicals“ vertrieben.

Cathinon ist die Grundstruktur zahlreicher NPS und auch einer der Wirkstoffe von „Khat“. Konsumenten berichten über Antriebssteigerung, Redseligkeit, Stimmungsaufhellung, verringerte Feindseligkeit, klares Denken und sexuelle Stimulation.

LSD hat vermeintlich seinen Weg zurück auf den Markt gefunden. Dahinter verbirgt sich aber oft Falschware oder ein anderer Wirkstoff. Benzodiazepine werden ähnlich wie RCs angeboten, z. B. in Form von Pellets. Diese z. T. hochpotenten Wirkstoffe (z. B. Phenazepam) sind schlecht dosierbar, mit der akuten Gefahr von Überdosierungen und lang anhaltender Sedierung.

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Neue Psychoaktive Substanzen – Herausforderung für die Prävention?

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Benjamin Löhner
mudra e. V. – Alternative Jugend- und Drogenhilfe Nürnberg e. V.

Universelle Suchtprävention bei Schülern hat folgende Ziele: Ausbau von Selbstkompetenzen, Ausbau von sozialen Kompetenzen, Korrektur der Normwahrnehmung und bedingt auch die Vermittlung substanzzentrierter Inhalte. NPS-spezifische Primärprävention in Schulen birgt die Gefahr, ungewollt die Aufmerksamkeit auf Randprobleme zu lenken. Substanzunspezifische Inhalte von Schulprogrammen können dennoch suchtpräventive Effekte bezogen auf NPS haben. Eine Notwendigkeit für NPS-spezifische Inhalte in der schulischen Suchtprävention besteht nicht. Hierzu fehlt es auch noch an epidemiologischen und ätiologischen Daten zum NPS-Konsum. Bei der flächendeckenden Implementierung evidenzbasierter Schulprogramme besteht Nachholbedarf. Auch die Umsetzung verhältnispräventiver Strategien an Schulen (z. B. Suchtmittelvereinbarungen) ist ausbaufähig.

Von der universellen Prävention zu unterscheiden ist die selektive oder indizierte Prävention. Hierfür bieten sich die Handlungsfelder Internet und Partysetting an. Das NPS-Phänomen ist auch ein Onlinephänomen. Präventions-und Beratungsangebote im Internet sind nah an der Lebenswelt potentieller Konsumenten. Risikopotentiale liegen hier in der Unkenntnis der Wirkung. Zumindest zum gezielten Erreichen der Zielgruppen sind Online-Angebote ideal. Ein Beispiel hierfür ist die Webseite legal-high-inhaltsstoffe.de. Die 30-Tage-Prävalenz des NPS- Konsums bei 18- bis 24-jährigen Partygängern beträgt etwa 12 %. Beispielsweise durch Nightlife-Info Projekte oder Schulungen von Nachtclubs (z. B. BEST Clubbing) könnten Präventionsangebote sehr direkt an diese Zielgruppe herangebracht werden. Für indizierte NPS-Prävention könnten auch Abstinenzsettings wie z. B. JVAs, Entgiftungsstationen als Handlungsfelder genutzt werden.

Die Cannabispolitik als Ursache des steigenden Konsums von NPS und hier vor allem von synthetischen Cannabinoiden sollte ernsthaft im Auge behalten werden. Ein Nord-Süd-Gradient der Rate der Konsumenten innerhalb der Bundesrepublik könnte ein Indikator hierfür sein.

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Schüler- und Lehrerbefragungen zum Umgang mit Suchtmitteln

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Theo Baumgärtner
Büro für Suchtprävention der Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e. V., Hamburg

Die Schüler- und Lehrerbefragungen zum Umgang mit Suchtmitteln ist ein Instrument zur Erfassung der Verbreitung suchtgefährdenden Risikoverhaltens von Jugendlichen in der Region. Prävention ist regional angesiedelt und bedarf der Kenntnis des Geschehens auf lokaler Ebene. Dem werden bekannte nationale und internationale Untersuchungen zum Suchtmittelkontakt bei Jugendlichen (z. B. Drogenaffinitätsstudie der BZgA, KIGGS-Studie, HBSC-Studie-Health Behaviour in School-aged Children, The European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs ESPAD) meist nicht gerecht. Einzig für die letztgenannte Studie gibt es Ergebnisse für bayerische Teilnehmer. Die SCHULBUS Studie wir seit 2004 regelmäßig in Hamburg, seit 2012 auch in anderen norddeutschen Bundesländern durchgeführt. Geschulte, studentische Tandems (m/w) führen die computergestützten Befragungen vor Ort durch. Alle Schüler einer Klasse beantworten den Fragebogen gleichzeitig anonym auf einem Tablet. Die Datenübertragung erfolgt zeitgleich per WLAN auf einen Laptop. Die Erfassung der Beantwortungsgeschwindigkeit verbessert die Datenqualität. „Schnellantworter“ werden durch weitere Frage „beschäftigt“. Die Inhalte beziehen sich auf den Gebrauch und Missbrauch von Alkohol, Tabak, Cannabis und andere illegale Drogen, sowie die funktionale und dysfunktionale Nutzung von Glücksspielen, PC-Spielen, Internet und auf das Essverhalten. In der geplanten Befragung in Bayern werden für das Schuljahr 2017/2018 Schulen in den Landkreisen Miltenberg, Dillingen, Weilheim-Schongau, sowie in den Städten München und Nürnberg rekrutiert.

Die Erfahrungen in Hamburg zeigen, dass die Thematisierung des jugendlichen Suchtmittelgebrauchs weder die Schulen noch die Eltern abschreckt. Es gab bisher keine Hinweise darauf, dass durch die Befragung ein Anreiz zum Drogenkonsum ausgelöst wurde. Es kann von der Aufrichtigkeit der Antworten und damit von der Belastbarkeit der Ergebnisse ausgegangen werden. Bei Nichtteilnahme entsteht einem Schüler kein Nachteil. Eine Re-Identifikation einzelner Teilnehmer ist nicht möglich.

Anlass für die SCHULBUS-Studie im Jahr 2015 war der dramatische Anstieg der Zahl erstauffälliger Crystal-Meth-Konsumenten ab 2010 und die Sicherstellungsmengen von Crystal in Deutschland, vor allem in Landkreisen nahe der tschechischen Grenze. Im Vergleich zum Stadtstaat Hamburg konsumierten Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Bayern überzufällig mehr Alkohol, mehr Tabak, aber weniger Cannabis. Bei den illegalen Drogen gab es keinen Unterschied. Im Vergleich zu Hamburg und den Bundesländern Sachsen und Nordrhein-Westfalen (NRW) fangen die bayerischen Schüler signifikant früher mit dem Konsum von Alkohol und Tabak an. Man weiß, dass ein früher Einstieg häufiger zu einem problematischen Konsum führt. Beim Glücksspiel, PC-Spielen und der problematischen Internetnutzung gab es keine deutlichen Unterschiede. Auf sehr niedrigem Niveau lagen die Prävalenzwerte der bayerischen und sächsischen Jugendlichen beim Konsum von Crystal Meth leicht über denen der Befragten aus Hamburg und NRW. Die Jugendlichen in Sachsen und Bayern kennen mehr Freunde, die schon einmal Crystal Meth konsumiert haben und können auch leichter an die Substanz kommen als Jugendliche in Hamburg und NRW. Die Jugendlichen in Hamburg und NRW wissen weniger über das Gefahrenpotential von Crystal Meth. Lehrkräfte überschätzen um ein Vielfaches den Crystal Meth-Konsum ihrer Schüler. In Bayern sprechen Lehrer ihre Schüler vergleichsweise selten auf Alkohol-und Drogenkonsum an, obwohl sie einen Verdacht oder Hinweis haben, das gilt auch gegenüber den Eltern. Auch Schüler und Eltern in Bayern thematisieren gegenüber Lehrern Probleme in Bezug auf Suchtmittel eher zurückhaltend.

Erhöhte Lebensunzufriedenheit, Probleme mit Schule oder Elternhaus, konsumierende Freunde und ein früher Einstieg sind Risikofaktoren für riskante Konsum- bzw. Verhaltensmuster.

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klar bleiben – Feiern ohne Alkoholrausch

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Prof. Dr. Reiner Hanewinkel
IFT Nord – Institut für Therapie und Gesundheitsforschung, Kiel

Seit 1980 geht der regelmäßige Alkoholkonsum (mind. einmal pro Woche) sowohl bei den 12- bis 17-Jährigen als auch bei den 18- bis 25-Jährigen in Deutschland zurück. Zudem nimmt das Einstiegsalter sehr langsam aber stetig zu. Weniger eindeutig ist in diesen Altersgruppen der deutschlandweite Trend hinsichtlich des Rauschtrinkens.

Das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung IFT-Nord in Kiel, das seit vielen Jahren das schulbasierte Tabakpräventionsprojekt „Be smart – Dont start“ betreut, hat ein analoges Konzept für die Alkoholmissbrauchsprävention bei Jugendlichen mit dem Namen „Klar bleiben – Feiern ohne Alkoholrausch“ entwickelt. In der Entwicklungsphase kristallisierten sich einige wichtige Aspekte heraus. Auf fixe Grenzen zu Alkoholmengen sollte verzichtet werden. Auch die bei Erwachsenen empfohlenen Unterschiede hinsichtlich der Höchstmengen für Männer und Frauen sollten bei Jugendlichen nicht kommuniziert werden. Es ist wichtig, dass die Motive des jugendlichen Alkoholkonsums Berücksichtigung finden und unangenehm erlebte Folgen und Konflikte des (übermäßigen) Alkoholkonsums herausgestellt werden. Zunächst soll sich das Projekt an die Altersgruppe ab 16 Jahren, also an Schüler der 10. Schulklassen, richten.

In der Pilotphase verpflichtete sich jede teilnehmende Klasse zwischen Januar und März auf Alkoholrausch zu verzichten. Alkoholrausch war bewusst nicht in Zahlenwerten definiert. Regelmäßige Rückmeldungen alle zwei Wochen gehörten zum Einhalten der Verpflichtung. Im Zeitraum standen begleitend vier themenbezogene Unterrichtseinheiten zur Verfügung. Klassen, die die Verpflichtung einhielten, konnten in einer Verlosung Preise gewinnen. Das Projekt wurde mit bunten Postern, Faltblättern, Postkarten und Slogans bei den Schülern, Lehrern und Eltern beworben. Das Interesse war groß. 61 Schulen mit 99 Klassen nahmen am Pilot teil. Davon waren 65 Klassen erfolgreich. Die Durchführung in der 10. Klasse könnte dahingehend problematisch sein, weil in dieser Zeit der mittlere Abschluss ansteht. Über 90 % der Lehrer bewerteten die Aktion positiv, allerdings nur knapp drei Viertel fanden sie ansprechend für die Schüler. Zur Evaluation des Projekts wurden noch weitere 97 Klassen als Kontrollgruppe ohne Maßnahme hinzu gewonnen. Beide Gruppen wurden vor und etwa 6 Monate nach dem Ende der Intervention befragt. Ein signifikanter Effekt konnte bei denjenigen Jugendlichen festgestellt werden, die bereits Konsumerfahrung hatten. Das waren knapp drei Viertel der Teilnehmer. Bei ihnen reduzierte sich die Häufigkeit des Rauschtrinkens um 5 % oder um 0,2 Trinkeinheiten. Die Ergebnisse wurden im April 2017 im Deutschen Ärzteblatt publiziert.

Derzeit werden die Materialien überarbeitet. Künftig werden folgende Materialien eingesetzt: Klassen- und Schülervertrag, Dokumentationsbogen und Rückmeldekarten, Lehrer-Broschüre inkl. Unterrichtsimpulsen, didaktische DVD „Alkohol? Kenn dein Limit.“, Webseite www.klar-bleiben.de. Zur Bewerbung wird es Poster, Anmeldeflyer und Anschreiben an die Schulleitung geben. Die Teilnahme am Kreativpreis war so spärlich, dass dieser nicht mehr mit aufgenommen wird. Zum Schuljahr 2017/2018 werden auch 2.328 bayerische Schulen angeschrieben.

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Shisha – Das neue Tabakrauchen?

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Dr. Daniela Piontek
IFT – Institut für Therapieforschung, München

Die Beliebtheit der Shisha (Wasserpfeife) bei Jugendlichen hat ihre Ursache im angenehmen Geruch und Geschmack der aromatisierten Tabaksorten, weil seltener Halsirritationen auftreten, im Reiz des Neuen und orientalischen Flairs, in der zeitintensiven Zubereitung in der Gruppe und in der Annahme, der Konsum sei weniger gesundheitsschädlich (z. B. wegen der Abbildung von Früchten auf der Verpackung oder dem Wasser im Bodengefäß).

Die Gesundheitsgefahren der Wasserpfeife werden massiv unterschätzt. Im Vergleich mit der konventionellen Zigarette liegt die Anzahl der Züge bei durchschnittlicher Nutzung um den Faktor 7 bis 14 höher. Jeder Zug dauert etwa doppelt so lang. Das bei jedem Zug aufgenommene Volumen ist etwa 15-mal größer, was letztlich zu einem zehnfach größeren inhalierten Gesamtvolumen akkumuliert. Bei Konsum einer Genusseinheit (eine Zigarette versus ein Stunde Shisha) liegt bei der Shisha die aufgenommene Menge Nikotins um bis zum 3-fachen, die des Kohlenmonoxids um bis zum 16-fachen über derjenigen der Zigarette. Die große Variabilität dieser beiden Stoffe birgt eine zusätzliche Gefahr bei der Einschätzung des Einzelrisikos durch Shishakonsum.

Knapp 90 % der 12- bis 17-Jährigen und beinahe 100 % der 18- bis 25-Jährigen kennen die Shisha, Jeder dritte 12- bis 17-Jährige und zwei von drei 18- bis 25-Jährige haben bereits einmal daran gezogen. In einer Befragung der BZgA im Jahr 2007 schätzte sich nicht einmal die Hälfte der 12- bis 17-Jährigen, die aktuell Shisha rauchten selbst als ‚Raucher‘ ein. Sie rauchten dabei nicht täglich, über 90 % konsumierten nur an maximal 5 Tagen im Monat. Anders als die Zigarettenraucher in dieser Altersgruppe, bei denen 4 von zehn täglich zur Zigarette griffen.

Seit 2007 nimmt in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre das Interesse an der Wasserpfeife und der Zigarette ab. Bei letzterer etwas mehr. Das Bewusstsein über die gesundheitlichen Gefahren der Shisha ist erheblich angestiegen, aber liegt noch immer weit unter der Kenntnis über das Risiko des Zigarettenrauchens. In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen erfreut sich die Shisha zunehmender Beliebtheit. Demgegenüber ist der Zigarettenkonsum hier deutlich gesunken. Alle Trends sind geschlechterunabhängig. In der Sekundarstufe 1 gibt es ein klares soziales Gefälle beim Shishakonsum. Unabhängig von der Herkunft konsumieren Jugendliche mit Migrationshintergrund in diesem Alter etwa doppelt so häufig wie ihre deutschstämmigen Mitschüler. Das genannte soziale Gefälle ist nach der 10. Schulklasse nicht mehr vorhanden. Eine Ausnahme unter den Konsumenten bilden Studenten und Erwerbstätige, die die Wasserpfeife nur selten nutzen. Bei jungen Erwachsenen jenseits der 10. Klasse nimmt die Shisha an Beliebtheit zu, hier ganz besonders in der Gruppe mit dem Migrationshintergrund Türkei und Asien.

Shisha-Rauchen ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet und ernst zu nehmen und in einigen Gruppen weiter verbreitet als das Zigarettenrauchen. Es ist im Besonderen ein soziales Phänomen mit der Gefahr des Gruppendrucks. Durch den Vertrieb über das Internet kann der Jugendschutz umgangen werden. Das immer noch unzureichende Wissen über die Gesundheitsgefahren macht die Wasserpfeife gerade für tabakunerfahrene Jugendliche attraktiv und begünstigt möglicherweise den Einstieg in das Zigarettenrauchen. In den letzten Jahren ist ein Rückgang des Konsums bei Jugendlichen, aber ein Anstieg bei jungen Erwachsenen zu verzeichnen. Die E-Shisha könnte hier eine (problematische?) Weiterentwicklung und einen neuen Trend darstellen.

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E-Zigaretten

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Dr. Silke Kuhn
ZIS – Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Anders als die Verbrennungszigarette ist die E-Zigarette kein einheitliches Produkt. Die angebotenen Produkte unterscheiden sich optisch und in ihrer Verdampfungsleistung. Die Liquids variieren erheblich in der Zusammensetzung und Konzentration der Inhaltstoffe. Die E-Shisha unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der E-Zigarette. Sie ist lediglich bunter aufgemacht.

Nutzende der E-Zigarette sind zumeist Erwachsene, die einen Rauchstopp erwägen oder bereits mit dem Rauchen aufgehört haben. Das Verhältnis von Männern und Frauen ist nahezu gleich. Neun von zehn Deutschen kennen die E-Zigarette, aber nicht einmal 5 % (entspricht 1 Mio. Menschen) der deutschen Bevölkerung dampft regelmäßig. Das mit Abstand häufigste Konsummuster ist der duale Konsum. Zu den Konsummotiven gehören finanzielle Gründe, die angenehmen Aromen, die Vermeidung von Tabakrauch, das Ritual, der Wunsch vom Nikotin unabhängig zu sein, aber in sehr hohem Maß auch der Nutzen für die Gesundheit. Dieser konnten in Studien belegt werden. Die physische und psychische Gesundheit und die Unabhängigkeit vom Nikotin verbessern sich bei Ex-Rauchern und dual Konsumierenden im Vergleich mit Rauchenden. E-Zigaretten sind aus toxikologischer Sicht und bei bestimmungsgemäßem Gebrauch deutlich weniger gesundheitlich bedenklich als konventionelle Tabakzigaretten. Fundierte Kenntnisse zu den Langzeitfolgen des E-Zigeretten-Konsums bestehen aber noch nicht. Auch sachliche Aufklärung findet selten statt, Interessenten informieren sich im Internet bei Händlern und in Web-Foren. Bei den meisten Jugendlichen handelt es sich um Probierkonsum. Etwa 14 % haben schon einmal E-Zigarette oder E-Shisha probiert, zumeist aus Neugierde, nur knapp 5 % dampfen mindesten einmal in der Woche.

Bei der Beurteilung des Nutzens und der Risiken der E-Zigarette muss immer der Vergleich mit dem Rauchen konventioneller Zigaretten herangezogen werden. Hier sind besonders zwei Aspekte Public Health relevant. Erstens die sogenannte Gateway-Hypothese und zweitens der Aspekt der Raucherentwöhnung. Die Gateway-Hypothese postuliert, dass die E-Zigarette eine Einstiegsdroge sei und in weiterer Folge die Jugendlichen verführe, doch eine Zigarette zu probieren. Dies konnte in Studien nicht bestätigt werden. E-Shishas waren/sind möglicherweise ein „Modetrend“ unter Jugendlichen. Etablierte erwachsene Raucher können vom (Teil)Umstieg profitieren. Die Schadstoffaufnahme ist im Durchschnitt erheblich geringer, obwohl die Inhaltsstoffe in den Liquids oft noch unzureichend oder unzutreffend deklariert sind. Bei der Raucherentwöhnung liefert besonders England ein beeindruckendes Beispiel des Rückgangs des Tabakrauchens. E-Zigaretten sind dort Teil von Public-Health-Maßnahmen zur Tabakkontrolle. E-Zigaretten sind in der Lage die Tabakreduktion sowie den Rauchstopp zu unterstützen und eignen sich als Empfehlung für Rauchende, die nicht aufhören können oder wollen. Allerdings wird durch E-Zigaretten die Nikotinsucht aufrechterhalten, ein Ausstieg aus der Abhängigkeit findet nicht statt.

Die gegebenenfalls steigende Popularität der E-Zigarette darf nicht darüber hinweg täuschen, dass bei dualem Konsum die häufigste Gelegenheit eine E-Zigarette zu konsumieren in den Situationen bevorzugt wird, wo Tabakrauchen nicht möglich oder angemessen ist.

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Bindungserfahrung, Emotionsregulation und Suchtentwicklung

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Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München

Der Mensch ist von Geburt an mit zwei grundlegenden Verhaltenssystemen ausgestattet, die sein Überleben sichern. Es handelt sich um die Systeme des Bindungsverhaltens und des Explorationsverhaltens. Bindungsverhalten zielt darauf ab Nähe und Sicherheit zu finden. Bindung passiert in den ersten neun Monaten gegenüber Personen, die sich dauerhaft kümmern. Dabei übernimmt das Kind die aktive Rolle. Eine Person, meistens die Mutter, erhält eine bevorzugte Position. Einmal gefestigte Bezugspersonen sind nicht austauschbar. Explorationsverhalten hingegen ist jede Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt und damit die verhaltensbiologische Grundlage von Lernen.

Bindungs- und Explorationsverhalten sind komplementäre Systeme und können nicht gleichzeitig aktiviert werden. Das heißt, wenn ein Kind aufgrund von Fremdheit, Unwohlsein oder Angst die Nähe der Bindungsperson sucht, wird es wenig Interesse an einem neuen Spiel zeigen. Umgekehrt wird es die spontane Umarmung der Mutter eher gleichgültig aufnehmen, wenn es in ein Spiel vertieft ist.

Wut, Furcht und Trennungsangst sind angeborene Emotionen, die das Überleben des Babys sichern. Ein Kind das schreit, befindet sich in einem Zustand emotionaler Not und benötigt die Hilfe der Eltern, um sich zu beruhigen. Ein Kind muss erst lernen die eigenen Gefühle zu verstehen und zu regulieren. Dazu benötigt es die Unterstützung der Eltern. Entscheidend hierbei ist das feinfühlige Erkennen der und Eingehen auf Bedürfnisse des Kindes. Bindungssicherheit geht einher mit größerer Kompetenz im Umgang mit emotionaler Belastung und einer effektiveren Emotionsregulation. Sie ist ein zentrales Merkmal einer resilienten Persönlichkeit und damit die Voraussetzung, um Risikofaktoren oder Belastungen erfolgreich zu bewältigen. Dazu gehören in besonderem Maße die schwierigen Entwicklungsaufgaben Jugendlicher.

(Auf den Folien werden die genannten Entwicklungsprozesse genauer dargestellt.)

Der sicheren Bindung stehen die unsicher-distanzierte oder die unsicher-verwickelte Bindung gegenüber. Jugendliche mit Verhaltensstörungen und Drogenmissbrauch haben häufiger eine unsicher-distanzierte Bindung. Jugendliche mit affektiven Störungen (z. B. Depressionen) haben häufiger eine unsicher-verwickelte Bindung. Die Unfähigkeit mit negativen Emotionen umzugehen (fehlende Emotionsregulation), führt zu dem Versuch negative Gefühle zu unterdrücken. Am Beispiel der Essstörung werden durch die Konzentration auf Nahrung und Gewicht und das symptomatische Essverhalten negative Gefühle unterdrückt. Dies mündet in eine Spirale aus sozialem Rückzug, Entwicklungsdefiziten, Gefühlen der Scham, des Versagens und der Angst, die mit weiteren essgestörten Verhaltensweisen unterdrückt werden müssen. Durch eine viermonatige Therapie konnte bei anorektischen wie bulimischen Patienten gleichermaßen ein deutlicher Anstieg in der Bindungssicherheit erreicht werden. Ungelöste Traumata konnten gelöst werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Therapie nicht abgebrochen wird. Dies war bei knapp einem Viertel der Patienten der Fall.

Eine sichere Bindungsrepräsentation stellt einen Schutzfaktor für eine gelungene Anpassung dar, ist jedoch keine Garantie gegen Krankheit. Auch bei günstigen Bedingungen kann es zu einer Fehlanpassung kommen, wenn die belastenden Faktoren überhand nehmen.

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Medien in der Familie

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Gisela Schubert
JFF – Institut für Medienpädagogik, München

Mobile Medien sind fester Bestandteil des (Familien-)Alltags. Auch wenn Schule ein sehr wichtiger Ort für Medienerziehung ist, findet sie an erster Stelle in der Familie statt. Kinder saugen von klein auf ein, was Eltern tun. Eltern sind sich ihrer Vorbildrolle beim eigenen unkritischen Umgang mit mobilen Medien häufig nicht bewusst. Medienerziehung passiert nicht einfach so. Wie bei jeder Erziehung handeln Eltern so, wie es nach ihren Wertevorstellungen sinnvoll ist. Medienerziehung ist immer wieder ein Aushandlungsprozess zwischen Eltern und Eltern und Eltern und Kindern. Sie ist gerade in der Pubertät ein nervenaufreibendes Thema.

Die JIM-Studie erfasst einmal im Jahr die Mediennutzung Jugendlicher von 12 bis 19 Jahren. Demnach besitzen fast 100 % der Jugendlichen ein Handy bzw. Smartphone. Die Kinder besitzen also sehr leistungsfähige und auch teure Geräte (Samsung (43 %) und iPhone (28 %)). Die Anzahl der Jugendlichen, die einen Laptop besitzen stagniert seit einigen Jahren, bei Tablets und PCs gibt es jährlich einen kleinen Zuwachs. Datenflatrates bzw. Verträge mit hohem Datenvolumen haben mit 12 Jahren 60 % der Kinder, bei den 14-Jährigen sind es bereits 75 % und ab dem 15. Lebensjahr haben neun von zehn Jugendlichen solche Verträge und damit die Möglichkeit immer online zu sein.

Die Kim-Studie untersucht alle 2 Jahre den Gerätebesitz und -umgang von 6- bis 13-jährigen Kindern. Das Handy oder Smartphone hat seit 2014 den CD-Player von Platz eins verdrängt. Jungen weisen grundsätzlich eine höhere Ausstattungsrate mit Mediengeräten auf als Mädchen. Diese haben im Vergleich zu Jungen allerdings häufiger ein Smartphone, einen CD-Player, MP3-Player oder Kassettenrekorder. Jungen sind besonders gut mit Spielkonsolen ausgestattet. Etwa jedes fünfte Kind in dieser Altersgruppe hat einen eigenen Internetzugang in seinem Zimmer.

Das Vorhaben „Mobile Medien in der Familie“ befragt Eltern und Pädagogen, um Konzepte ableiten, die insbesondere Fachkräfte in der Erziehungsberatung und der Familienhilfe unterstützen sollen. Es konnte gezeigt werden, dass Eltern bei der Medienerziehung an viele Grenzen stoßen. Sie fürchten Schwierigkeiten, für die sie keine Lösungen haben oder nur solche, bei denen sie sich unsicher sind. Sie glauben, sich zu wenig auszukennen in dem unüberschaubaren Angebot an Apps, Tools oder mobil anwendbaren sozialen Netzwerken. Sie sind verunsichert bezüglich des Zeitpunktes für ein eigenes Gerät und den Regeln bei mehreren Geschwistern, des Umgangs mit persönlichen Daten, der Gefahr des Mobbings einerseits und des sozialen Drucks andererseits. Sie fürchten die Ablenkung von anderen (schulischen) Aufgaben mit den negativen Folgen und halten den technischen Jugendschutz für unzulänglich. Eltern suchen Unterstützung durch Bildungseinrichtungen und Pädagogen.

Aber auch bei den Beratungsfachkräften sind in der Medienerziehung noch viele Fragen offen. Sie wünschen sich z. B. zielgruppenspezifische Fortbildungsmöglichkeiten sowie mehr Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Sie beobachten besorgt, dass Eltern das Smartphone in der Funktion eines Babysitters einsetzen. Sie sehen dabei die Gefahr, dass Eltern die Feinfühligkeit für die Wahrnehmung der Bedürfnisse ihres Kindes verloren geht. Eltern nutzten selbst mobile Endgeräte unkritisch und messen ihrem eigenen Verhalten keine Bedeutung zu (Vorbildfunktion).

Damit Medienerziehung gelingen kann, müssen Eltern sich des eigenen Medienhandelns bewusst sein, aber auch die Bedürfnisse ihrer Kinder in Bezug auf Medien verstehen. Dazu benötigen sie auch Wissen über die Medien und die Angebote. Kinder (und Eltern) brauchen Begleitung, um einen kompetenten Medienumgang zu entwickeln; dies dient auch der Chancengleichheit. Eltern brauchen von pädagogischer Seite Anregungen und Hinweise, die sich in ihrem Familienalltag umsetzen lassen. Die Schule sollte die Kinder zu einem souveränen Medienumgang befähigen sowie klare und sinnvolle Regeln kommunizieren.

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Net-Piloten – Durchklick mit Durchblick

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Benjamin Grünbichler
NEON Prävention und Suchthilfe, Rosenheim

Mediensucht ist seit 2013 eine Forschungsdiagnose. Vier von hundert Heranwachsenden zwischen 14 und 16 Jahren sind internetabhängig, mehr als jede/jeder Sechste in der Altersgruppe weist eine problematische Internetnutzung auf. Digitale Mediennutzung ist in der Familie ein Problem.

Das Peer-Projekt Net-Piloten wird von der BZgA gefördert und durchlief zwischen 2014 und 2016 eine Pilotphase. Ziel ist die Verhinderung von. Hierzu werden Schüler und Schülerinnen der 8. Schulklassen zu Net-Piloten der Sechstklässler ausgebildet. Die Peers vermitteln den jüngeren Schülerinnen und Schülern eine medienkritische Haltung und sind Ansprechpartner an der Schule und Vorbilder für jüngere Schüler. Der Kern des Projekts ist der Peer-to-Peer-Ansatz aus der Erfahrung, dass der Effekt stärker ist, wenn sich die Person, die das Verhalten zeigt und die Person, die das Verhalten übernehmen soll, möglichst ähnlich sind. Dabei ist das Prinzip weniger die Vermittlung von Wissen, als die Stärkung von Selbstwirksamkeitserwartungen und Entscheidungsfähigkeit bei der Zielgruppe. Die Ansprache im Schulsetting ist wichtig, damit die Jugendlichen gemeinsam mit ihrem Freundeskreis erreicht werden können, der ihre Einstellungen stark prägt. An vier Tagen werden 10 Module bearbeitet, wie Wissen über Medien, Suchtentwicklung, Kommunikation, aber auch praktische Übungen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind die Informationsabende und Seminare für Eltern.

Die Pilotphase ist abgeschlossen. Interessierte Einrichtungen, die das Projekt in Schulen umsetzen wollen, können an einer Schulung teilnehmen. Die nächste findet vom 05.–06.04.2018 in München statt und wird vom ZPG koordiniert.

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Netzgänger 3.0

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Michael Leibfried
Condrobs e. V., Inside @ School, München

Das Projekt Netzgänger wurde von der Uni Bamberg unter Prof. Dr. Wohlstein entwickelt und evaluiert und durch Condrobs e. V. 2015 weiterentwickelt. Die Finanzierung liegt bei der Techniker Krankenkasse. Ziel des Projektes ist die Förderung von funktionalem und risikoarmen PC- und Internetgebrauch bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Peers der 9. und 10. Klasse von Realschulen oder Gymnasien aus Bayern leiten die Tutorien (jeweils 3 Schulstunden) für jüngere Schülerinnen und Schüler. Die vier verschiedenen Module sind: Smart im Netz, Virtuelle Spielewelten, Cybermobbing und Soziale Netzwerke. Trainer und Trainerinnen von Condrobs e.V. schulen die Peers. Die Teilnahme ist für Schulen aus Bayern kostenlos. Um eine nachhaltige Implementierung an den Schulen zu erreichen, werden Lehrkräfte zu Netzgänger-Trainern und -Trainerinnen ausgebildet. Der gemeinsam durch die Peers und Trainer/Trainerinnen von Condrobs e. V. durchgeführte Elternabend zum Thema Medienerziehung sorgt für die Verstetigung des risikoarmen Medienkonsums daheim in der Familie.

Informationen gibt es unter netzgaenger@condrobs.de oder auf der Webseite www.netzgaenger.org.

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Elterntalk – eine Zwischenbilanz

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Claudia Riedle
Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e. V., München

Elterntalk ist ein Projekt der Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Bayern e.V. Elterntalk zielt auf die Stärkung der Eltern und deren Erziehungskompetenzen ab. Gastgebereltern bieten anderen Eltern (Gäste) Gesprächsrunden im privaten Umfeld an, also ein Peer-to-Peer Ansatz. Elterntalk ist für Eltern mit Kindern bis 14 Jahren, insbesondere solche mit Migrationshintergrund oder Eltern in besonderen oder belasteten Lebenslagen. Das Besondere ist, dass das Angebot privat, nachbarschaftlich und niedrigschwellig, freiwillig und mehrsprachig ist. Dadurch werden Eltern erreicht, die klassische Angebote üblicherweise nicht wahrnehmen. Im Beisein von geschulten, ehrenamtlichen Moderatorinnen und Moderatoren, sprechen Eltern miteinander über ein zuvor gemeinsam vereinbartes Thema aus dem Erziehungsalltag wie Medien, Konsum und Suchtprävention. Aus Gästen werden Gastgeber und aus Gastgebern werden Moderatoren. Mehr als zwei Drittel der Moderatoren sind nicht deutschstämmig. Sie kommen aus 25 verschiedenen Ländern, zu einem großen Teil aus der Türkei.

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19. Bayerisches Forum Suchtprävention

Suchtprävention für Menschen mit russisch-sprachigem Migrationshintergrund

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Tanja Gollrad
BAS – Bayerische Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen, München

Sprachbarrieren, Unkenntnis über das Suchthilfesystem, Misstrauen und Angst sind die wichtigsten Gründe, warum Menschen mit russischsprachigem Migrationshintergrund von den Angeboten der Suchthilfe schwer erreicht werden. Dabei ist der Anteil dieser Risikogruppe an der Anzahl der Drogentoten vergleichsweise hoch. Mehr als jeder achte der insgesamt 230 Rauschgifttoten im Jahr 2013 in Bayern war Aussiedler. Das veranlasste das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege zu einem Projekt, das Suchtkranke und von Suchtmittelabhängigkeit bedrohte Menschen mit russischsprachigem Migrationshintergrund sowie deren Angehörige und sonstige Bezugspersonen mit den Hilfsangeboten der Suchthilfe erreichen sollte. Condrobs e. V. Ingolstadt, das Ethno-Medizinisches Zentrum e. V. München (EMZ), mudra – Alternative Jugend- und Drogenhilfe e. V. Nürnberg und Prop e. V. München waren projektausführende Institutionen. Die Bayerische Koordinierungsstelle für Suchtfragen BAS hatte die Koordinierung inne. Folgende Angebote wurden von den Projektbeteiligten umgesetzt: Freizeit- und Gesundheitsprojekte, offenen Sprechstunden in der Muttersprache, aufsuchende Arbeit, Vermittlung in Entgiftung und Therapie, Schulung und Spezialisierung von sog. Suchtmediatoren und –mediatorinnen z. B. in Schulen und Integrationskursen, Entwicklung muttersprachlicher Suchtaufklärungsmaterialien u. a. Es zeigte sich, dass neben der Beratung über allgemeine Hilfe-/Therapiemöglichkeiten durchweg der Bedarf nach Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten (Übersetzungen, Hilfe beim Verstehen von Amtsschreiben) bestand. Offene Angebote wurden im Vergleich zu Angeboten mit festen Terminen (z. B. Sprachkurse, Vorträge, Freizeitprojekte) besser angenommen, mit Ausnahme der Suchtpräventionsveranstaltungen des EMZ.

Besonderheiten dieser Zielgruppe sind, dass das Thema Sucht tabuisiert ist und nicht als Krankheit betrachtet wird. Sucht wird als Kontaktmöglichkeit genutzt. Gegenüber Suchthilfeeinrichtungen wird Misstrauen gehegt. Das Konzept der Schweigepflicht ist nicht bekannt, auch nicht die Tatsache, dass Suchthilfe in Deutschland kostenlos ist. Im Kontakt mit der Suchthilfeeinrichtung herrschte zunächst hohe Schwellenangst, die dann aber in starke Grenzüberschreitung mit starker emotionaler Bindung umschlug. Die Mehrheit der aufsuchenden Betroffenen war männlich. Der Kontakt erforderte intensive Beziehungsarbeit und einen direktiven Beratungsstil.

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19. Bayerisches Forum Suchtprävention

Besondere Aspekte der Suchtprävention bei Seniorinnen und Senioren

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Dr. Silke Kuhn
ZIS – Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Allein durch die starke Zunahme der Bevölkerung über 60 Jahren in den nächsten 10 Jahren wird in der nahen Zukunft die Zahl älterer suchtkranker oder suchtgefährdeter Menschen zunehmen. Das Interesse für Sucht und Prävention im Alter und die Aufmerksamkeit von Medien, Politik und Bevölkerung ist aber gering. Alte suchtkranke Menschen fallen nicht sehr auf, denn sie sind kein öffentliches Ärgernis und fehlen nicht am Arbeitsplatz. Ein Umdenken in der Gesellschaft ist an der Zeit.

Zunächst ist es wichtig zwischen Suchtkranken, die alt werden und alten Menschen, die suchtkrank werden, zu unterscheiden. Suchtkranke, bei denen eine Sucht bereits länger besteht, sind überwiegend in  dem Suchthilfesystem angebunden, in dem sie alt werden. Sie sind keine Zielgruppe für Suchtprävention. In der stationären Pflege ist die Altersdifferenz zu nicht suchtkranken Menschen problematisch, weil viele Suchtkranke bereits ab dem vierzigsten Lebensjahr eine Unterbringung benötigen, die „Gesunde“ erst in deutlich höherem Alter frequentieren. Entwickelt sich Sucht erst in den Jahren nach dem Ruhestand, sind die Auslöser oftmals einschneidende Ereignisse im Leben oder ein unreflektiert beibehaltener hoher und nicht altersangemessener Konsum. Um diese Zielgruppe geht es im Folgenden.

Einige Beispiele drücken Vorurteile und mangelnde Empathie für Suchtprobleme bei alten Menschen aus. Für die Einstellung „Im Alter bringt eine Therapie nichts mehr, sie kostet nur“ zum Beispiel existiert keine belegbare Annahme. Diese Aussage ist durch ein verzerrtes Menschenbild geprägt. Hinter „Lasst ihn doch weiter trinken, dann hat er noch ein paar schöne Jahre im Ruhestand“ verbirgt sich vermeintlicher Liberalismus. Der Sachverhalt wird unangemessen verharmlost und der „Genuss“ idealisiert. In der Ansicht „In dem Alter sollte man es doch besser wissen und sich nicht mehr so gehen lassen“ steckt eine moralische Abwertung, die wenig Motivation zu helfen oder gar Selbsterhöhung zum Ausdruck bringt.

In der Realität verhält es sich anders. Acht Bundesmodellprojekte, die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wurden, haben sich der Problematik „Sucht im Alter in der Pflege“ angenommen. Mitarbeitende der Alten- und Suchthilfe haben gemeinsam Maßnahmen entwickelt und in der Praxis erprobt. In diesem Kontext entstand unter Federführung des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf die Webseite und der praxisnahe Ratgeber Sucht im Alter in der Pflege. Die Begleitforschung zu den Modellprojekten identifizierte Einsamkeit, Trauer, Angst vor dem Sterben und dem Tod, Sorge über das Nachlassen körperlicher und geistiger Fähigkeiten, die Aufgabe bisheriger Freizeitaktivitäten, der Verlust des beruflich- gesellschaftlichen Status und lange unterdrückte Kriegs- und Nachkriegstraumata als relevante Probleme. Sie offenbarte aber auch Ressourcen der Zielgruppe. Ältere Menschen bringen neben ihrer Lebenserfahrung z. B. für die Arbeit in Gruppen viele hilfreiche Eigenschaften mit. Sie sind respektvoll, wertfrei, solidarisch und freundlich im Umgang miteinander. Sie teilen klassische Moralvorstellungen und zeigen ein hohes Pflichtbewusstsein und die Bereitschaft, sich an Regeln und Normen zu halten. Das erleichtert die Planung sinnvoller Freizeitgestaltung und die Entwicklung von Interessen. In altershomogenen Gruppen fühlen sich ältere Menschen den jüngeren nicht unterlegen. So erreichen z. B. ältere Alkoholabhängige durch die stationäre Rehabilitation z. T. höhere Abstinenzquoten als jüngere, sie sind signifikant zufriedener mit der Behandlung, zu deren Ende sie mit sich, ihrem Gesundheitszustand und ihrer Teilhabe an Familien- und gesellschaftlichem Leben genauso zufrieden oder sogar zufriedener sind als jüngere Alkoholabhängige. Manche altersbedingten Suchtprobleme ergeben sich als Folge einer dauerhaften Schmerzmedikation mit Opioiden oder der medikamentösen Behandlung von Schlafstörungen.

Suchtprävention bei Senioren hat andere Vorzeichen als bei Jugendlichen. „Die Älteren“ sind, entgegen dem gesellschaftlichen Blick auf sie, eine heterogene Gruppe. Die Auswirkungen der Suchtmittel sind im Zusammenspiel mit Komedikation und veränderter Körperfett/Körperwasser Relation variabler. Sie sind eine eher „unsichtbare“ Gruppe, daher werden selten eigens auf diese Altersgruppe abgestimmte Projekte initiiert. Die Position und Funktion der Kontaktpersonen ist nicht immer klar, das Verhältnis zu ihnen zuweilen zugleich vertrauensvoll und konflikthaft, wie zum Beispiel zu den eigenen Kindern oder zum behandelnden Arzt. Beim Eingreifen bewegen sich Kontaktpersonen aus Familie und Fürsorge auf einer Gratwanderung zwischen Persönlichkeitsrechten und Autonomie einerseits und Fürsorgepflicht und Präventionsauftrag andererseits. Nur selten wird eigens für Senioren Infrastruktur und Sozialraum geschaffen oder aufrechterhalten. Ihr Aktionsradius ist die Kommune. Die Altersgruppe sollte, wenn möglich, in bestehende Gesundheitsprojekte integriert werden. Ältere Menschen zu aktivieren ist ein wichtiger Ansatz in der Suchtprävention. Dazu könnten auch die noch fitten, alten Menschen beitragen.

Primärprävention für die Altersgruppe der Senioren muss an den Übergängen ansetzen. Es gilt noch leistungsfähige und flexible Menschen z. B. bei Eintritt in den Ruhestand zu motivieren und zu aktivieren. Übergangsmanagement, z. B. als Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements oder als kommunale Aufgabe, könnte eine zentrale präventive Maßnahme gegen „Sucht im Alter“ werden.

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