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Fit für Fünf

Kleingruppenorientierte Förderung von gesundheitsorientiertem Bewegungs- und Ernährungsverhalten bei Berufsschülern, Würzburg

Martin Heyn

Unter jungen Frauen und Männern mit niedrigerem Bildungsstatus ist die Prävalenz von gewichtsabhängigen orthopädischen oder internistischen Krankheitsbildern besonders besorgniserregend. Ziel dieses Projektes ist die Vorbeugung dieser Krankheitsbilder durch ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm, das sich an Adipositas-gefährdete oder adipöse Berufsschüler richtet. In Gruppen zu je fünf Teilnehmern soll ein dreimonatiger Kurs absolviert werden, in dem fitnessorientierte Techniken sowie Ernährungswissen vermittelt werden. Eine strikte Einbindung der Maßnahme in die Peer-Struktur soll die Nachhaltigkeit sichern. Neben biopsychosozialen Effekten der Kurse soll auch ihre ökonomische Effektivität eingeschätzt werden. Ein multidisziplinäres Team aus Wissenschaft, Forschung, Verwaltung und Praxis beschreitet Neuland.

Berufsschüler – die "vergessene Zielgruppe" präventiver Maßnahmen?

Im Fokus gesundheitsförderlicher und präventiver Maßnahmen steht in der Regel nicht die – zugegeben schwer erreichbare – Gruppe der Berufsschüler.

  • Lange Anfahrtswege zu den Berufsschulzentren, die meist motorisiert zurückgelegt werden,
  • Blockbeschulung, d.h. keine kontinuierliche Erreichbarkeit (vs. weiterführende Regelschulen) der Zielgruppe im Klassenverbund im Setting Schule,
  • bereits ausgebildete, zum Teil tradierte und die Gesundheit beeinträchtigende Verhaltensmuster.

Letzteres ist mittlerweile durch verschiedene Untersuchungen eindeutig belegt. Der Handlungsbedarf in dieser Zielgruppe ist hoch, rauchen doch beispielsweise 53% der Berufsschüler, während unter Gymnasiasten desselben Alters "nur" zu 37% regelmäßig zur Zigarette greifen (BZgA, 2004). Auch das für viele Folgeerkrankungen zugrunde liegende Problem, das Übergewicht, ist je nach sozialer Schicht unterschiedlich bedeutsam. Insbesondere unter jungen Frauen und Männern mit niedrigerem Bildungsstatus ist die Prävalenz von Adipositas besonders besorgniserregend (22% bzw. 32%, vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, RKI, 2003, Heft 16). Durch Medien der Massenkommunikation allein werden diese Gruppen ebenso unzureichend erreicht wie durch traditionelle Kursangebote (BZgA, 2004).

Wie erreicht man nun die Zielgruppe?

In der Region Würzburg ist seit drei Jahren ein Phänomen in der Gesundheitsförderung zu beobachten: Bei dem jährlich stattfindenden "Würzburger Residenzlauf" lassen sich über 2.500 Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme motivieren. Einzige Bedingung für die gesponserte Teilnahme: mindestens 50% der Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Klasse treten gemeinsam an. Der überwiegende Teil der jugendlichen Teilnehmer stammt zwar aus Grund-, Haupt- und Realschulen sowie aus Gymnasien, jedoch erscheint die auftretende Gruppendynamik und gegenseitige Motivation als ein wesentlicher unterstützender Faktor, den es zu übertragen gilt.

Wir wissen: Die Ernährung und Bewegung spielen bei der Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas eine wichtige Rolle (Bjarnason-Wehrens, 2005; Müller et al, 2006; Norden & Norden, 2005; Stöckli & Keller, 2003; Völler, Schmailzl & Bjarnason-Wehrens, 2004). So berichtet die Arbeitsgruppe von Müller et al (2006), dass in 40 randomisierten kontrollierten Therapiestudien übereinstimmend gezeigt werden konnte, dass durch einen langfristigen multidisziplinären, verhaltenstherapeutischen Ansatz das Übergewicht zumindest bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen reduziert werden konnte. Auch im Schulsetting wurden erfolgreiche Studien zur Bewältigung des Übergewichtes mit Hilfe von Ernährungs- und Bewegungsprogrammen durchgeführt. (Baschta & Purscke, 2002; Mast et al., 2000; Tillmann, 2005).

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsen hat das Elternhaus einen geringeren Einfluss als bei Kindern. In diesem Alter rücken Gleichaltrige (Peers) in den Vordergrund. Nach Brinkhoff (1998) eröffnen Peers den Jugendlichen in sozialkultureller Hinsicht kompetente Teilnahmechancen auf sehr unterschiedlichen Feldern wie z.B. Mode, Musik und Sport. Bislang wurden jedoch keine systematischen Versuche angestellt, die Peer-Group als festen Motivationsbestandteil eines Bewegungs- oder Ernährungsprogramms einzubinden. Im Projekt "Fit für Fünf" soll eine feste Gruppenstruktur die Aufnahme und Aufrechterhaltung der sportlichen Aktivität vereinfachen und das Ziel der Gewichtsreduzierung beschleunigen.

Ein multidisziplinäres Team und Netzwerke sind gefragt

Das Projekt ist in Planung und angezielter Durchführung eine gemeinschaftliche Arbeit des Gesundheitsamtes Würzburg, der AOK Würzburg, der Deutschen Sporthochschule Köln (Psychologisches Institut) und des Reha- und Gesundheits-Zentrums Heidingsfeld GmbH in Würzburg. Bereits im Vorfeld wurden Träger der berufsschulischen Ausbildung zur Mitarbeit akquiriert. Auch das Bayerische Kultusministerium sicherte eine ideelle Unterstützung zu.
Das Zusammenspiel sozialpsychologischer und -pädagogischer, sport- und medizinwissenschaftlicher Disziplinen sowie des kommunalen und politischen Gesundheitswesens stellt sich bereits in der Phase der Konzeptionierung und den ersten Schritten der Umsetzung als effizient und effektiv dar. Die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft, Praxis der Gesundheitsförderung und Wirtschaft erzeugt sowohl neue Ideen, als auch eine realistische Einschätzung des Machbaren.

Unterstützend kommt hinzu, dass alle vier Initiatoren über umfangreiche Projekterfahrungen zum Thema "Gesundheit, Ernährung und Bewegung" verfügen.

Erste Ergebnisse einer Vorerhebung

Für das Projekt wurde ein Gewerbliches Berufsschulzentrum in Würzburg mit über 1.000 Schülern ausgewählt. Eine Datenerhebung im Vorfeld bei knapp 120 Schülern durch die Sporthochschule Köln (Abt. Gesundheitsforschung am Psychologischen Institut) bestätigte im Wesentlichen die formulierten Thesen und zitierten Studien zum Gesundheitsverhalten von Berufsschülern.

So treibt z.B. ein Drittel der Befragten weniger als ein mal in der Woche Sport.

Eine Unterstützung durch Freunde, Familie und Menschen, die bei einer Maßnahme/ einem Training mitmachen, wird als derjenige Umstand empfunden, der am meisten hilft, sich gesund zu verhalten.

Das Interesse der Berufschülerinnen und Berufschüler bezüglich Informationen zum gesünderen Leben sowie der Wunsch, etwas zu verbessern, sind vorhanden, obwohl sich die Befragten hinsichtlich des Themas Gesundheit gut informiert fühlen.

Die wichtigsten Aspekte eines Sport- und Bewegungsprogramms sind, dass es wenig kostet, nicht weit vom Wohnort entfernt ist und dass man die Aktivität mit anderen gemeinsam machen kann.

Insbesondere der letzte Punkt gibt Anlass zur Hoffnung, denn mit dem formulierten Projekt möchten die Initiatoren genau dies erreichen: Jugendliche Berufsschüler im Team (mit Gleichaltrigen) wohnortnah zur gesunden Ernährung und Bewegung motivieren und dies für die Teilnehmenden zu einem adäquaten Preis.

Das langfristige Ziel

Durch die entsprechende Prozess- und Ergebnisevaluation wird das Ziel verfolgt, ein nachhaltiges Maßnahmenpaket zu entwickeln, das landesweit auch von weiteren AOKen und Gesundheitsämtern in Kooperation mit lokalen Reha-/Sporteinrichtungen umgesetzt und angewendet werden kann.

Kontakt

Das Projektteam

Franz-Jörg Richter
AOK – Die Gesundheitskasse Würzburg
Kardinal-Faulhaber-Platz 1, 97070 Würzburg
Tel. 0931-388-155

Prof. Dr. Jens Kleinert
Deutsche Sporthochschule Köln
Psychologisches Institut
Carl-Diem-Weg 6, 50933 Köln
Tel. 0221-4982-5490

Albrecht Behnke
Reha-& Gesundheitszentrum Heidingsfeld GmbH
Winterhäuser Str. 95, 97084 Würzburg
Tel. 0931-62731
www.impuls-heidingsfeld.de

Martin Heyn
Gesundheitsamt Würzburg
Theaterstraße 23, 97070 Würzburg
Tel. 0931-3574-671
M.Heyn@lra-wue.bayern.de

Stand der Projektinformation: 2006