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Hellwach – Ich weiß doch Bescheid!

Suchtpräventionswoche für Schulklassen aus Bayern und Tschechien in der Jugendherberge Wunsiedel

Gisela Dittrich, Jugendherberge Wunsiedel
Thomas Schmalfuß, Kriminalpolizei Hof
Helmut Schmelz und Kamila Härtl, Fachbereich Gesundheitswesen im Landratsamt Wunsiedel

Abbildung 1: Plakat zur länderübergreifenden PräventionswocheWeitere Kooperationspartner im Projekt sind das Bezirksklinikum Rehau unter Leitung von Dr. Lothar Franz, Sozialpädagogin Ulrike Dietel, die Praktikantin des Landrats­amts Hannah Spätling, Sozialpädagogin Janine Grillmeier und das mindzone-Team Hof

Hintergrund und Ausgangssituation

Sowohl Tschechien als auch Deutschland sind, hauptsächlich in den Grenzgebieten, von der Suchtproblematik betroffen. Hierbei gilt es, besonders auf die Gefahren einzugehen, die von der Droge „Crystal“ ausgehen. Allein in Bayern haben sich die Crystal-Fälle zwischen 2010 und 2013 mit 2.123 Delikten nahezu verdoppelt, 18 Menschen starben 2013 in Bayern durch Crystal-Konsum. Die Droge ist weiter auf dem Vormarsch, zunehmend auch im Landesinneren vor allem in den Ballungsräumen.

Besonders erfreulich ist die länderübergreifende zweisprachige Durchführung, die auch der Verständigung und Freundschaft zugutekommt. Eine bayerisch-tschechische Absichtserklärung zwischen beiden Polizeiministerien zur Bekämpfung der Drogenproblematik ist in Ausarbeitung.

Zielgruppe

Unser Konzept richtet sich an Jugendliche im Einstiegsalter, vorwiegend im 8. und 9. Schuljahr. Es unterstützt Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten in der suchtpräventiven Arbeit, unabhängig von Stundenplan und Zeitdruck, kompetent, stressfrei und mit jugendgerechter Begleitung.

Ziele

Unser primäres Ziel ist es, nachhaltig und grenzübergreifend Drogenmissbrauch und einer möglichen Suchtentwicklung vorzubeugen. Durch gegenseitiges Kennenlernen wollen wir außerdem Vorurteile und Sprachprobleme abbauen, Initiativen und Diskussionen an den Schulen anregen, weitere Veranstaltungen und Zusammentreffen begleiten und ausbauen.

Über die Auseinandersetzung mit der Drogenproblematik hinaus sind weitere Projektziele:

  • Stärkung des Netzwerks und Ressourcennutzung durch Einbindung von örtlichen Fachkräften verschiedener Institutionen
  • Stärkung von Lebenskompetenzen und Aufzeigen von Alternativen durch Erlebnispädagogik und kulturellem Erleben für Jugendliche
  • Nachhaltigkeit durch die Behandlung eines ernst zu nehmenden Themas, indem es aus dem Schulalltag herausgenommen und in eine Umgebung mit Freizeit- und Erlebnis-Atmosphäre eingebettet wird, sowie jugendgerechte Aufarbeitung durch Interaktion und Förderung eigener Kreativität

Projektaufbau und Durchführung

Abbildung 2: Start in die gemeinsame Woche mit einer PodiumsdiskussionAuftaktveranstaltung der Suchtpräventions­woche in der Jugendherberge Wunsiedel mit Vertretern von Politik, Polizei, Jugend­herbergswerk und Bezirksklinikum Hof. Daran schlossen sich Suchtpräventions-Workshops an, durchgeführt und moderiert von Fachkräften aus dem Suchtarbeitskreis und den Gesundheitsämtern Hof und Wunsiedel, der Kriminalpolizei Hof und des Bezirksklinikums Rehau. Zum Programm gehörten außerdem eine Besichtigung des Bezirksklinikums Rehau und Erlebnispäda­gogik mit der Firma „Abenteuerladen“ aus Hof.

Auftaktveranstaltung

egierungsvizepräsidentin Petra Platzgummer-Martin, Polizeipräsident Reinhard Kunkel, der Chefarzt der Bezirksklinik Rehau Dr. Lothar Franz und der Vizepräsident des Deutschen Jugendherbergswerkes Gerhard Koller stellen sich nach kurzen Referaten den Fragen der Jugendlichen. Mittelpunkt ist die Aufklärung, Vermittlung von gesellschaftlichen Werten, Abbauen von Vorurteilen und Berührungsängsten. Die Schüler hatten sich darauf gut vorbereitet, hier war kein länderspezifischer Unterschied festzustellen. Die Fragen gingen über die Legalisierung von Cannabis und Kriminaldelikte bis hin zur Behandlung bzw. Begleitung bei Abhängigkeiten. Besonders beeindruckend wurde von allen Beteiligten geschildert, wie wichtig es ist, den Erstkontakt mit Drogen zu vermeiden.

1. Workshoptag: „KlarSicht-Parcours“

Der Mitmach-Parcours der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) informiert über die Wirkungen und Suchtpotenziale der legalen Suchtmittel Tabak und Alkohol und fördert einen kritischen Standpunkt dazu. Das Angebot unterstützt Jugendliche dabei, die Risiken von Alkohol- und Zigarettenkonsum klarer zu sehen und verantwortungsbewusster zu handeln. Die Schüler durchlaufen hierbei einen Parcours mit fünf Stationen:

  • Station 1 – „Drunk-Buster“: Wer die Rauschbrille aufsetzt, erlebt, wie schwierig die einfachsten Dinge mit Alkohol im Blut sein können. Die Teilnehmer sollen aber auch erkennen und lernen, wie man in einer gefährlichen Situation helfen kann oder Hilfe bekommen kann.
  • Station 2 – Alkohol: Hier gilt es nicht darum, Alkoholkonsum zu verdammen. Vielmehr soll den Jugendlichen ein kontrollierter Umgang mit Alkohol vermittelt werden. Außerdem bieten die Dreh-Bar sowie die Trink-Bar Möglichkeiten zum Diskutieren, zum Beispiel über Trinkgewohnheiten, Alkohol in der Gesellschaft, Alkohol und Gewalt.
  • Station 3 – Nikotin: „Wissen gefährdet Rauchen“. Die überdimensionale Zigarettenschachtel mit diesem Warnhinweis sowie zwei Bodenbilder sind die zentralen Bestandteile der Tabak-Station. Die Schüler können auch selbst Zigaretten mit aufgedruckten Begriffen wie Jugendschutz, Folgen, Clique aus der Schachtel ziehen, die dann gemeinsam mit der Gruppe erörtert werden. Wer hier zur Zigarette greift, dem raucht zwar der Kopf, aber das schadet garantiert nicht der Gesundheit.
  • Station 4 – „Talkshow“: An dieser Station denken sich die Schüler eine Geschichte aus, in die eine fiktive Person durch Tabak- oder Alkoholkonsum gerät. Es entwickelt sich eine Story mit einer fantasievollen Geschichte. Dabei haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich im Schutz der Geschichte mit den Risiken und Gefahren des Alkohol- und Tabakkonsums auseinanderzusetzen.
  • Station 5 – „Image“: Welchen Einfluss hat die Werbung auf den Konsum von Alkohol und Zigaretten? Mit dieser Frage werden die Jugendlichen an dieser Station konfrontiert. Darüber hinaus entwickeln die Schüler eine eigene Werbung zu einem Tabak- oder Alkoholprodukt. Schnell kommt man darauf, dass die Botschaften der Werbung oft wenig oder nichts mit der Realität und mit ihrem eigenen Leben zu tun haben.

Abbildung 3: Rund 120 Mädchen und Jungen aus zwei tschechischen und drei bayerischen Schulen waren mit großem Interesse und viel Spaß bei der Präventionswoche dabei

2. Workshoptag: Erarbeitung von vertieften Inhalten aus gelernten und recherchierten Informationen

In kleinen Arbeitsgruppen werden in Teamarbeit Plakate von den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, kreativ gestaltet und präsentiert. Die Fachkräfte des Vortages und eine Übersetzerin der Polizei Hof ergänzen, moderieren und begleiten.

Für die Präsentationen sind folgende Themen vorgegeben: Alkohol, Nikotin, Cannabis, Mediensucht, Crystal Meth. Dabei wird in den Vorträgen auch auf die Unterschiedlichkeit in den Ländern eingegangen: Legale und illegale Drogen. Rückfragen, Diskussionen und Auswertungen zeigen viele Gemeinsamkeiten, aber auch Gegensätzliches. Beispiel: Rauchen – Konsum, Cannabis legal in Tschechien, Rolle Freundeskreis, Bezugsmöglichkeiten und bereits gemachte Erfahrungen. Das Lernen voneinander steht im Mittelpunkt. Ganz nebenbei wird die Sprach- und Medienkompetenz gefordert und gestärkt.

Abbildung 4: Teamfähigkeit, Vertrauen und Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt der erlebnispädagogischen Angebote

Besuch im „Frontkrankenhaus“ – Bezirksklinikum Rehau

Durch Besuch der Therapiestation und die Diskussionsmöglichkeit mit ehemaligen Drogenabhängigen erfahren die Teilnehmer, wie schnell und schleichend der Prozess zur Abhängigkeit sein kann, aber auch, welche Möglichkeiten zur Hilfe und Unterstützung angeboten werden. Wie es Menschen ergeht, deren Leben von Crystal Meth oder anderen Drogen diktiert wird, erleben die jungen Leute aus erster Hand durch „Walter“ von der Gruppe Narcotics Anonymous. Seine Laufbahn bzw. schleichende Entwicklung vom ersten Alkoholmissbrauch als Jugendlicher, den ersten Drogenkontakten als Student, der späteren Abhängigkeit mit Absturz und sein schwerer Weg aus der Sucht berührte alle Anwesenden besonders stark. Erfreulich gestaltete sich die Diskussion mit dem Klinikleiter Dr. Franz. Fragen waren beispielsweise: Welche Rolle spielt Cannabis als Einstiegsdroge? Welche Chancen haben Suchtkranke, von ihrer Sucht wieder loszukommen? Wie lange bleiben sie nach einer Therapie clean? Welche Gesellschaftsschicht ist betroffen?

Die emotionale, direkte Berührung war spürbar und führte auch auf der Busfahrt nochmals zu Diskussionen. Die Fragen aus beiden Ländern waren identisch, was die gleiche Problematik in beiden Ländern widerspiegelt.

Erlebnis, Kommunikation, Kultur, Lebenskompetenz

Ein forderndes, ausgewogenes, sportliches Programmangebot von ausgebildeten Erlebnispädagogen bildet den körperlich fordernden Gegenpart zu den Workshop-Einheiten, zeigt sinnvolle Freizeitgestaltung auf und stärkt das Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten. Das Angebot umfasst Bogenschießen, Biathlon, Monkey-Klettern, Abseilen und Interaktion am Kletterseil. Dabei stehen Teamfähigkeit, Vertrauen und Gemeinschaft im Vordergrund.

  • Sprachanimation: Tägliche lockere, zweisprachige Sprachanimationen in Gemeinschaftsspielen und Bilder im Gebäude fördern die Kommunikation und Sprachkompetenz.
  • Kultur: Ein Besuch im Fichtelgebirgsmuseum inklusive Sonderausstellung „Arzneimittel in tod-sicherer Dosis – Agatha Christie“, das Kennenlernen deutscher Schulen und des Stipendienprogramms Euregio Egrensis für tschechische Schüler, eine Falknervorführung und nicht zuletzt der Ausflug zum Wagner-Festspielhaus in Bayreuth mit Stadtführung runden den kulturellen Teil der Woche ab.
  • Highlight: Kinoausflug am Abend nach Hof. Der Film „Filmriss“, der auch bei den Jugendfilmtagen der BZgA vorgeführt wird, zeigt Jugendliche, die durch falsche Freunde und übermäßigen Alkoholgenuss in eine lebensbedrohliche und kriminelle Situation geraten (www.rauchfrei.info/events/jugendfilmtage.html). Als Überraschung gab es Cola und Popcorn.

Abschiedsparty ohne Alkohol, unterstützt und begleitet durch die Initiative mindzone-Hof

Abbildung 5: In Teamarbeit werden die Themen der suchtpräventiven Workshops vertieft„mindzone – sauber drauf!“ ist eine Initiative von jungen Partygängern, die 1996 in München entstand und heute bayernweit im Nachtleben aktiv ist. Das Team setzt sich mit den Problemen auseinander, die beim Konsum von legalen und illegalen Substanzen auftreten können. Da immer wieder zu beobachten ist, dass Jugendliche Drogen sehr problematisch und riskant konsumieren, erscheint es sinnvoll und notwendig, Aufklärung in diesem Bereich zu betreiben und auf die Drogenthematik differenziert einzugehen.

Unter dem Motto „sauber drauf!“ führt mindzone Aktionen direkt in Clubs durch. Am mindzone-Stand gibt es diverse Info-Materialien zu Partydrogen, frisches Obst, Traubenzucker, kostenlose Mitmach-Aktionen etc. Grundsätzlich steht das mindzone-Team für Fragen rund um das Thema Partydrogen und Sucht als Gesprächspartner zur Verfügung (www.mindzone.info/)

Die Abschiedsparty der Suchtpräventionswoche krönt eine alkoholfreie Cocktailbar: Hier stellen die Teilnehmer nach Anleitung und mit Hilfestellung] ihre eigenen Getränke her. Sieben verschiedene Cocktails von süß bis herzhaft würzig waren im Angebot, die Rezepte stammen aus der BZgA-Broschüre „Cocktails ohne Alkohol“.

Die mindzone-Peers bieten Airbrush, Discomusik, Infomaterial, Animation und Gesprächsangebote. Die Vermittlung von Alternativen zum Alkoholkonsum stärkt Lebenskompetenz und Verantwortung für sich und andere.

Ressourcen, Finanzierung

Gefördert und unterstützt wurde das Projekt durch

  • Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds
  • Oberfrankenstiftung BR-Jugendring Bayreuth
  • Polizei Hof
  • Arbeitskreis „Unsere Stadt gemeinsam gegen Drogen“
  • Suchtarbeitskreis am Landratsamt Hof, Fachbereich Gesundheitswesen
  • Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege
  • Landratsamt Wunsiedel, Fachbereich Gesundheitswesen
  • mindzone Hof, Teamleitung Nördliches Bayern
  • Deutsches Jugendherbergswerk Bayern, Jugendherberge Wunsiedel
  • Bezirksklinikum Rehau

Abbildung 6: Vertrauen, Liebe, Freundschaft, Zuwendung, Offenheit, Nähe: Ressourcen für ein Leben ohne Sucht

Evaluation – Bilanz und Ausblick

Berichte aus den teilnehmenden Schulen trafen wie vereinbart 14 Tage nach dem Aufenthalt in der Jugendherberge Wunsiedel ein. Die positive Resonanz, die sich in den Tagesprotokollen widerspiegelt, bestätigt die gelungene Konzeptgestaltung. Aus dem mitgenommenem Material der Präsentationen erstellten zwei Schulen Ausstellungen in ihren Räumlichkeiten. Sogar unsere Rezepte der Cocktails fanden Anwendung bei einer Weihnachtsfeier.

Besonders erfreulich waren die Aktionen, die durch diese Initiative angestoßen wurden. Das regionale Fernsehen Oberfranken-TV sendete Ende Januar in einer Themenwoche zu Crystal-Meth täglich Beiträge und 15-minütige Spots gegen die Droge; das Filmmaterial dazu war unter anderem während der Projektwoche entstanden (www.tvo.de/dont-cry-dont-crystaldie-themenwoche-bei-tvo-128481).

Verschiedene Presseberichte machten auf das Thema aufmerksam. Das Landratsamt Wunsiedel, Fachbereich Gesundheitswesen, führte Tagesveranstaltungen zum Thema „Suchtprävention“ am örtlichen Gymnasium durch. Das Projekt wurde auch vorgestellt beim Arbeitskreis zur Vernetzung und Koordination von Suchtberatungsstellen zwischen Tschechien und Bayern, durchgeführt von Tandem Regensburg.

Innenminister Joachim Herrmann hat spontan die Schirmherrschaft des Projektes übernommen, Zitat: „Durch die intensive Auseinandersetzung mit Suchtproblematiken erarbeiten sich die jungen Menschen wichtige Informationen und erlernen gemeinsam den Umgang und die Vermeidung von gefährlichen Sucht-mitteln. Unter der Devise ‚Null Toleranz gegen Drogen‘ wird deshalb der Kampf gegen Crystal verstärkt und vor allem die Fahndungs- und Ermittlungsarbeit der Bayerischen Polizei im engen Schulterschluss mit der Bundespolizei, dem Zoll und der tschechischen Polizei weiter ausgebaut.“

Wegen der großen Nachfrage aus Schulen in Bayern und Tschechien findet in diesem Jahr eine Folge- projektwoche wieder im November 2015 statt, eine weitere im März 2016. Beide sind bereits ausgebucht.

Kontakt

Deutsches Jugendherbergswerk (DJH) Landesverband Bayern
Jugendherberge Wunsiedel
Gisela Dittrich
Am Katharinenberg 4, 95632 Wunsiedel
Telefon: 09232 915600
jhwunsiedel@djh-bayern.de