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Fit für Inklusion im Beruf

Projekt „Fit für Inklusion im Beruf“ begeistert Werkstätten in ganz Bayern

Carolin Kramer, Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern e.V.

Sprechblase mit Aufruf eines Werkstattleiters

Ausgangssituation

Das Thema Betriebliche Gesundheitsförderung hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung und gesellschaftlicher Akzeptanz gewonnen. Etliche Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern inzwischen Sportkurse und finanzielle Anreize zur Durchführung externer Sportangebote. Das Projekt „Fit für Inklusion im Beruf“ schlägt nun einen neuen Weg ein und überträgt das Konzept auf Werkstätten für behinderte Menschen.

Da Menschen mit einer Behinderung meist einen schlechteren Zugang zu Sportangeboten wie zum Beispiel im Sportverein haben, spielen gesundheitsfördernde Maßnahmen für diese Zielgruppe eine entscheidende Rolle. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems stellen aus arbeitsmedizinischer Sicht ein bedeutsames gesundheitliches Problem dar und Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung weisen im Durchschnitt ein erhöhtes Risiko für metabolisch/kardiale und muskuloskelettale Erkrankungen auf. Vor diesem Hintergrund werden im Rahmen einer Studie in den Werkstätten unterschiedliche, speziell konzipierte Bewegungsprogramme durchführt und im Sinne der Aufrechterhaltung der Gesundheit auf Effektivität überprüft.

Ziele

Das Projekt „Fit für Inklusion im Beruf“ zielt auf die Implementierung und nachhaltige Sicherung eines gesundheitsfördernden Bewegungsangebots ab. Im Vordergrund steht dabei die Förderung der  Gesundheit bei geistig und psychisch behinderten Menschen und die Vorbeugung der durch Bewegungsmangel auftretenden Risikofaktoren wie zum Beispiel Übergewicht und Rückenschmerzen. Die Steigerung der gesundheitlichen Ressourcen der in den Betrieben Beschäftigten soll zudem zu einer Erhöhung der Produktivität führen. Die Studie berücksichtigt dadurch auch den wirtschaftlichen Nutzen für die jeweilige Einrichtung.

Wie bereits aus dem Titel der Studie deutlich wird, ist das Thema Inklusion ein weiteres wichtiges Ziel. Durch die Förderung der individuellen Charaktereigenschaften wie Handlungskompetenz, Selbstsicherheit und Sozialkompetenz soll im Sinne der Teilhabe die Chance zum Transfer auf den sogenannten „ersten Arbeitsmarkt“ erhöht werden.

Zielgruppe und teilnehmende Werkstätten

Bayernweit nehmen sieben Behindertenwerkstätten bzw. acht Gruppen mit jeweils 25 Beschäftigten  an der Studie teil. Die Beschäftigten sind zwischen 20 und 50 Jahre alt und hauptsächlich in den Bereichen Metall- und Holzverarbeitung, Montage, Konfektion oder Gartenbau tätig.

Die teilnehmenden Werkstätten sind:

  • Caritas Werkstatt Dachau
  • Dambacher Werkstätten für Behinderte GmbH
  • Franziskuswerk Schönbrunn
  • Hochfränkische Werkstätten Hof
  • Landshuter Werkstätten GmbH
  • Lebenshilfe Donau-Iller Werkstätten gGmbH
  • Pegnitz Werkstätten der Lebenshilfe Nürnberg GmbH

Ablauf und Umsetzung

Das Kooperationsprojekt „Fit für Inklusion im Beruf“ wurde Anfang 2013 vom Institut der Medizinischen Physik (IMP) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und dem Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Bayern e.V. (BVS Bayern) ins Leben gerufen und wird seither überwiegend vom Bayerischen Sozialministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration finanziell unterstützt.

Der Prüfung und Zusage sowohl der Ethik-Kommission als auch der Bezirke folgte die Rekrutierung der Werkstätten. Unter Zuhilfenahme der Datenbank der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Bayern e.V. (LAG WfbM) wurden Werkstätten über das Projekt informiert und zur Teilnahme eingeladen. In kürzester Zeit meldeten sich vier Standorte für das Projekt an, die im Oktober 2013 mit dem Arbeitsplatzprogramm begannen. Da die flächendenkende Einbeziehung der Werkstätten im Vordergrund stand, fand eine Nachrekrutierung statt, durch die weitere drei Standorte gewonnen werden konnten; ein Standort wurde in zwei Gruppen eingeteilt. Diese Gruppen begannen im April 2014 mit dem Arbeitsplatzprogramm.

Sechs Gruppen erhielten durch ein Losverfahren ein Arbeitsplatzprogramm mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Zwei weitere Gruppen wurden als Kontrollgruppe (Vergleichsgruppe) ausgelost.

Die Durchführung des Arbeitsplatzprogramms erfolgt im Betrieb und während der Pausenzeit am Arbeitsplatz. Im Zeitraum von insgesamt 18 Monaten absolvieren die Beschäftigten unter Anleitung eines geschulten Übungsleiters eines der folgenden drei Arbeitsplatzprogramme:

1. Herz-Kreislauf-Zirkel

Intervallartiges Ausdauertraining für die kardiale und metabolische Fitness.

Die Beschäftigten absolvieren zweimal pro Woche anfangs 30 Minuten, nach sechs Monaten 45 Minuten das Zirkeltraining an Kleingeräten wie Stepper oder Balance Pad. Der organisatorische Aufwand der Maßnahme ist mit sechs bis acht Kleingeräten überschaubar und aufwandsgering (Platzbedarf < 25 qm).

2. Rücken-Zirkel

Individualisierbares Ganzkörper-Trainingsprogramm zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Muskel-Skelett-Systems. Zur Intensivierung der Trainingsbelastung werden im Zirkel unterschiedliche Kleingeräte wie beispielsweise Liegestützgriffe oder Gymnastikbänder eingesetzt. Der Zirkel wird zweimal pro Woche mit einer Dauer von anfangs 30 Minuten  und nach sechs Monaten 45 Minuten absolviert. Der organisatorische Aufwand und Platzbedarf gleicht dem des Herz-Kreislauf-Zirkels.

3. Ganzkörper-Vibrationstraining

Hier werden Schwingungen dosiert und zielgerichtet angewandt, was vor allem die Rückengesundheit fördert. Nach einer zweiwöchigen Betreuungsphase in Kleingruppen sollten die Beschäftigten selbständig am Arbeitsplatz trainieren. Das Training besteht aus vier bis zehn Übungen wie lockerem Stand oder Kniebeuge. Jede Übung wird eine Minute durchgeführt. Der organisatorische Aufwand der Maßnahme ist ebenfalls gering.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass sich grundsätzliche Anpassungserscheinungen innerhalb der motorischen Hauptbeanspruchungsformen wie Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Flexibilität bei Menschen mit und ohne Behinderung nicht unterscheiden. Daher wird das Arbeitsplatzprogramm nach den Grundsätzen der allgemeinen Trainingsprinzipien gestaltet. Demnach wird die Intensität der einzelnen Übungen gesteigert, jedoch stets in Anlehnung an die BORG-Skala, um die individuelle Empfindung und Leistung der Beschäftigten berücksichtigen zu können. Der Übungsleiter begleitet, kontrolliert und dokumentiert jedes Training umfassend.

Logo: Fit für Inklusion

Wirkungsanalyse

Um die Wirkung der Arbeitsplatzprogramme zu ermitteln, führten der BVS Bayern und die FAU Erlangen bereits vor der Intervention sowie nach sechs und nach 18 Monaten jeweils zweitägige Gesundheits-Screenings durch. Die Screenings bestehen aus Fragebögen zur Ermittlung der Arbeitsfähigkeit und der Rückengesundheit, anthropometrischen Tests sowie Kraft- und Ausdauertests. Im Folgenden werden die drei Testverfahren erläutert.

1. Anthropometrische Messungen bestehen aus Körpermessungen und der Blutentnahme. Sie werden vorgenommen, um sowohl das Risiko eines Metabolischen Syndroms als auch das 10-Jahres-Herzinfarkt-Risiko (Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 10 Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden) zu bestimmen.
2. Zur Messung der Kraft dient das Messinstrument Back Check 607 von Dr. Wolff. Es ermittelt sowohl die statische Maximalkraft der Rückenstreckermuskulatur als auch die der Rumpfbeugemuskulatur.
3. Zur Erfassung der aeroben Ausdauer wird der PWC-Test (Physical Working Capacity-Test) unter Einsatz des Fahrrad-Ergometers (Ergobikes der Fa. Daum-Electronic) durchgeführt. Unter Zuhilfenahme eins Pulsgurtes werden die Parameter Leistung und Zeit unter Belastung gemessen.

Erste Messergebnisse und Trend

Da die Endmessungen Ende des Jahres 2015 vorgesehen sind, kann hinsichtlich der Effektivitätsprüfung der Arbeitsplatzprogramme lediglich ein Zwischenergebnis und der Trend aufgezeigt werden:

Tabelle 1: Zwischenergebnisse Kraftmessung

Tabelle 1: Zwischenergebnisse Kraftmessung

Tabelle 2: Zwischenergebnisse Ausdauermessung

Tabelle 2: Zwischenergebnisse Ausdauermessung

Zeichenerläuterung zu den beiden Tabellen

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Kraft bei der Rückenzirkel-Gruppe deutlich angestiegen ist. Auch die Vibrationsgruppe zeigt hier ein gutes Ergebnis bezüglich der Trainingseffektivität. Hinsichtlich der Ausdauerleistung zeigen Ausdauerzirkel und Vibrationsplattentraining signifikante Ergebnisse.

Die Zwischenergebnisse lassen auf einen ersten positiven Trend hinsichtlich der Gesundheitsförderung schließen. Fest steht auch, dass die Akzeptanz der Beschäftigten enorm ist und die Organisation der Arbeitsplatzprogramme durch die einfache Handhabung keinen allzu großen Aufwand darstellt.

Feedback und Ausblick

Das Projekt zeichnet sich dahingehend aus, dass Werkstattbeschäftigte durch moderne, nicht allzu  aufwendig zu organisierende Bewegungskonzepte am Arbeitsplatz profitieren.

Das positive Zwischenergebnis lässt darauf schließen, dass das Projekt „Fit für Inklusion im Beruf“ die Steigerung der Selbstständigkeit und des Gesundheitszustands der Beschäftigten positiv beeinflusst, was einen Beitrag zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt leisten kann. Die Arbeitsplatzprogramme sind derart konzipiert, dass zukünftig sowohl behinderte, als auch nicht behinderte Menschen miteinander aktiv sein können.

Das Projekt ist insgesamt auf drei Jahre ausgerichtet – was aber nicht das Ende dieser Maßnahmen bedeuten soll. Bislang haben der BVS Bayern und die FAU Erlangen durchweg positives Feedback seitens der Werkstätten erhalten. Aus diesem Grund ist geplant, auch anderen Werkstätten die Umsetzung der Arbeitsplatzprogramme zu ermöglichen, sei es vor Ort oder in Kooperation mit Gesundheitseinrichtungen.

Kontakt

Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern e.V. (BVS Bayern)
Carolin Kramer
Georg-Brauchle-Ring 93, 80992 München
Telefon: 089 -544 189 16
kramer@bvs-bayern.com
www.bvs-bayern.com/Inklusionssport/Fit-fuer-Inklusion-im-Beruf