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Die Taschengeldbörse der Jugend Wittelshofen

Norbert Lenz, Wittelshofen

In der Gemeinde Wittelshofen, Projektgemeinde im Modellprojekt „Gesunder Landkreis“ wurde 2012 mit einer aufwändigen Fragebogenaktion (Rücklauf 76%) ermittelt, in welchen Bereichen die Bevölkerung Chancen, Merkmale und auch Probleme in der Gemeinde sieht.

Der Ort, Projektgemeinde im Modellprojekt „Gesunder Landkreis – Runde Tische zur Regionalen Gesundheitsförderung“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, ist ländlich geprägt und hat mit allen Ortsteilen ca. 1250 Einwohner. Wittelshofen liegt im Landkreis Ansbach direkt am Weltkulturerbe Limes. Die nächstliegenden Städte sind Dinkelsbühl (13 km entfernt), Wassertrüdingen (15 km entfernt) und Ansbach (35 km entfernt).

Abbildung 1: Ein Flyer informiert über das Angebot der TaschengeldbörseEin Schwerpunkt der Befragung lag darauf, in Erfahrung zu bringen, wie die Jugendlichen ihre Situation im Ort beurteilen und welche Wünsche und Anregungen sie haben. Bei der Auswertung der Fragebögen stellte sich heraus, dass sich die Jugendlichen sehr intensiv mit den örtlichen Gegebenheiten befasst hatten. Sie regten von sich aus an, sich deutlich stärker in das Dorfleben einzubringen. Es wurde deutlich, dass die vorherrschenden Probleme der Wittelshofener Jugendlichen die fehlenden Möglichkeiten zum sozialen Austausch, zur Mobilität und zur Autonomie waren, noch vor dem Mangel an Sportmöglichkeiten.

Bei der Befragung stellte sich auch heraus, dass sich die ältere Bevölkerung eine bessere soziale Einbindung und einen stärkeren Kontakt zu den Jugendlichen wünscht. Von Seiten der Jugendlichen und der älteren Bevölkerung wurde angeregt den Kontakt zu intensivieren. Da immer kleinere Arbeiten in Haus und Garten anfallen, wurde die Idee geboren, dass eventuell die Jugendlichen diese Tätigkeiten gegen ein kleines Entgelt übernehmen könnten. Auch der Aspekt, dass so auf sehr einfache Art und Weise Kontakt zwischen unterschiedlichen Generationen hergestellt werden kann, wurde dabei gesehen.

Schließlich wurde dieser Vorschlag an die Jugendlichen herangetragen, die ihn sofort aufnahmen. Die Jugendlichen brachten dann auch eigene Vorschläge zur Durchführung des Projektes ein. Aus den gesammelten Ideen wurde anschließend das Projekt „Taschengeldbörse Jugend Wittelshofen“ entwickelt.

Projektziel

Die Taschengeldbörse wurde 2013 mit dem Ziel gegründet, zusätzliche Brücken zwischen Jugendlichen und Erwachsenen zu bauen. Beteiligt an der Gründung war das Netzwerk „Gesunde Gemeinde“, die Gemeinde Wittelshofen und die Jugendlichen von Wittelshofen.

Abbildung 2: Die Jugendlichen organisieren ihre Einsätze für die Taschengeldbörse über Social-Media-NachrichtendiensteVor dem Hintergrund des demografischen und epidemiologischen Wandels mit zunehmend älterer Bevölkerung und der erwarteten Änderung im Ranking und der Häufigkeit der Zivilisationskrankheiten müssen neue Konzepte gefunden werden, um diese Entwicklung zumindest abzumildern.

Die Prävention wird zunehmend an Bedeutung gewinnen, so dass es höchste Zeit ist, Konzepte zur Stärkung der Eigenkompetenz zur Erhaltung und Verbesserung der eigenen Gesundheit nicht nur theoretisch zu entwickeln, sondern mit aller Kraft und Leidenschaft umzusetzen.

Ziel des Projektes ist es zum einen, den Kontakt von Jung und Alt auszubauen bzw. zu intensivieren. Andererseits möchten die Jugendlichen gerne ihr Taschengeld durch die Übernahme von verschiedenen Tätigkeiten aufbessern. Dies wird dadurch erreicht, dass Erwachsene bzw. ältere Bewohner im Ort Hilfe bei einfachen Arbeiten im Haus oder im Garten suchen. Die Jugendlichen erklären sich bereit, diese Tätigkeiten gegen ein kleines Taschengeld zu übernehmen.

Umsetzung

Abbildung 3: Alltagsnahe Hilfen in Haus, Garten und bei der Versorgung von TierenBei der Taschengeldbörse der Jugend Wittelshofen haben sich engagierte und verlässliche Jugendliche zusammengefunden, um im Rahmen der Nachbarschaftshilfe für ein kleines Taschengeld für Erwachsene Arbeiten zu übernehmen. Es werden vielfältige Aufgaben in Haushalt oder Garten, beim Babysitten, bei Problemen mit dem Telefon/Computer oder bei Festen und Veranstaltungen bewältigt.

Die Jugendlichen verrichten Winterdienst, helfen beim Umzug, stapeln Holz, versorgen Tiere, geben Nachhilfe und vieles mehr.

Vermittelt werden Jugendliche im Alten von 14 bis 21 Jahren, die ihre Fähigkeiten für ein kleines Taschengeld zur Verfügung stellen. Die Arbeiten werden mit 5 Euro pro Stunde direkt nach durchgeführter Arbeit entlohnt. Es werden Tätigkeiten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe im gesamten Gemeindegebiet von Wittelshofen angeboten.

Aus Sicht der Organisatoren soll es sich um Hilfstätigkeiten handeln, nicht um vollständig eigenständige Auftragsarbeiten. Der Auftraggeber muss bei dem Einsatz anwesend sein und den oder die Jugendlichen anleiten. Der Einsatz soll zeitlich auf zwei, maximal drei Stunden begrenzt werden. Die Einsätze werden von einzelnen oder mehreren Jugendlichen gleichzeitig ausgeführt. Vor allem wenn ein Arbeitsauftrag für einen Einzelnen einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen würde, wird der Einsatz von mehreren Jugendlichen im Team ausgeführt.

Die Jugendlichen der Taschengeldbörse organisieren sich vorwiegend eigenständig. Sie werden dabei ehrenamtlich von zwei Erwachsenen unterstützt, die die Organisation im Umfeld der Taschengeldbörse übernehmen.

Abbildung 4: Unterstützung bei der GartenarbeitDer Arbeitsauftrag wird von einem der Erwachsenen (telefonisch oder persönlich) entgegengenommen, auch um die Seriosität des Auftrages und Auftraggebers gegebenenfalls überprüfen zu können. Wenn die gewünschten Tätigkeiten übernommen werden können, wird der Auftrag an den „leitenden“ Jugendlichen (telefonisch) übermittelt. Die Jugendlichen stimmen sich unter Einsatz von Social Media (What’s App / Smartphone) untereinander ab und klären, wer den Auftrag übernimmt. Derjenige oder diejenigen stimmen sich dann telefonisch mit dem Auftraggeber über Zeitpunkt und Umfang ab.

Nach dem Auftrag werden Einsatzort, Einsatzzeit, Einsatzdauer, Tätigkeiten, Anzahl und Namen der beteiligten Jugendlichen und eventuelle Besonderheiten von einem der Teilnehmer per E-Mail an einen der ehrenamtlichen Erwachsenen übermittelt und von diesem dokumentiert. Bei Erstaufträgen findet eine Nachevaluation beim Auftraggeber (Dauer des Einsatzes, Anzahl der Jugendlichen, Ablauf, Pünktlichkeit und Organisation der Jugendlichen und Zufriedenheit des Auftraggebers) durch einen der ehrenamtlichen Erwachsenen statt.

Abbildung 5: Zunehmend nachgefragt wird Unterstützung beim Umgang mit elektronischen GerätenVon der Gemeinde Wittelshofen kann eine Bestätigung über die Mitwirkung bei dem sozialen Projekt „Taschengeldbörse Jugend Wittelshofen“ ausgestellt werden. Es können die in den Arbeitseinsätzen deutlich gewordenen Stärken des Jugendlichen und die im Rahmen der Tätigkeit erworbenen Soft Skills besonders gewürdigt werden.

Ressourcen, Finanzierung

Die Taschengeldbörse erhält keinerlei finanzielle Unterstützung. Einmalig wurden im Rahmen des Projekts „Gesunde Gemeinde“ Flyer zur Vorstellung der Taschengeldbörse finanziert. Die Tätigkeit der Jugendlichen wird durch die private Unfall- und Haftpflichtversicherung der Eltern abgedeckt.

Abbildung 6: Hilfe im HaushaltEine Haftung für Sachschäden für Arbeiten, die über die Taschengeldbörse vermittelt werden, kann von der Gemeinde nicht übernommen werden. Die Gemeinde Wittelshofen unterstützt die Taschengeldbörse ausschließlich ideell.

Prävention

In Zeiten des demographischen Wandels ist die Taschengeldbörse ein richtungsweisendes Projekt, um neue Ressourcen zu erschließen und eine Gemeinde lebendig und funktionsfähig zu halten. Außerdem ermöglicht es älteren Mitbürgern ein selbstbestimmteres Leben für einen längeren Zeitraum (es wird zum Beispiel die Gartenarbeit übernommen, Gardinen werden abgehängt und nach dem Waschen wieder aufgehängt, ein DVD-Player wird angeschlossen und die Funktionsweise erklärt usw.). Vor allem dieser Punkt wird zunehmend nachgefragt.

Es hat sich auch gezeigt, dass durch die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Jugendlichen auch Fertigkeiten und Handwerkstechniken weitergegeben werden (Stapeln von Holzstößen, Baumschneidetechniken, Mieten anlegen, Gardinen stärken usw.).

Die Taschengeldbörse sorgt dafür, dass die Jugendlichen zusätzliche Fertigkeiten und soziale Kompetenzen (Vorplanung, Terminorganisation, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Interaktionsfähigkeit) außerhalb der Schule erlernen und weiter entwickeln.

Besondere Erfolge

Abbildung 7: Voneinander lernen: Im Rahmen der Taschengeldbörse werden auch traditionelle Fertigkeiten und Techniken weitergegeben wie hier das Stapeln von HolzDie Jugendlichen haben sich innerhalb der Gemeinde inzwischen große Anerkennung erworben, da sie vorwiegend selbstbestimmt und selbstorganisiert eine für die Gemeinde wichtige soziale Aufgabe übernommen haben. Der große Erfolg hat uns alle überrascht und zeigt auch, dass das Projekt der Taschengeldbörse in Wittelshofen nötig und vor allem notwendig ist.

Nach Durchführung der Tätigkeiten bewerten sich Auftraggeber und Jugendliche gegenseitig in einem kurzen Evaluationsbogen. Die geleistete Stundenzahl und die Bewertung werden gesammelt. So kann die Gemeinde für die einzelnen Jugendlichen ein Zeugnis zum Beispiel für Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz, eine Arbeitsstelle oder einen Studienplatz ausstellen. Als besonderen Erfolg des Projektes Taschengeldbörse sehen wir an, dass einzelne örtliche Firmen Bewerbungen von Mitgliedern der Taschengeldbörse um einen Ausbildungsplatz sehr wohlwollend bewerten.

Kontakt

Taschengeldbörse Jugend Wittelshofen
Norbert Lenz
Kirchweg 9, 91749 Wittelshofen
Telefon: 09854 979371
www.wittelshofen.de/gemeinde/index.php/buerger-soziales/taschengeldboerse