Startseite > HIV/AIDS-Prävention > HIV und AIDS: Daten zur Situation in Bayern

HIV und AIDS: Daten zur Situation in Deutschland und Bayern

Noch immer keine Trendwende

Ende des Jahres 2016 lebten in Deutschland mehr als 88.400 HIV-positive Menschen, über 12.000 von ihnen in Bayern (siehe Tabelle 1). Die Zahl der Menschen, die sich 2016 neu mit HIV infiziert haben (Neuinfektionen) ist ähnlich hoch wie in den Jahren 2013 bis 2015. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt ihre Zahl bundesweit auf rund 3.100. In Bayern schätzt das RKI die Zahl der Neuinfektionen gleichbleibend zu den Vorjahren auf etwa 390 (siehe Abbildung 1 und Tabelle 2).

Verlauf der HIV-Neuinfektionen in Bayern zwischen 1975 und 2016
Abb. 1: Verlauf der HIV-Neuinfektionen in Bayern zwischen 1975 und 2016
Quelle: Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts, Stand: Ende 2016

Die Gesamtzahl aller Menschen in Bayern mit einer HIV/ AIDS-Diagnose zum Zeitpunkt Jahresende 2016 ist in Tabelle 1 dargestellt.

Tab. 1: Anzahl der Menschen, die Ende 2016 mit HIV/AIDS in Bayern lebten (Schätzung des RKI)

Männer ca. 9.600
Frauen ca. 2.400
insgesamt ca. 12.000

Tabelle 2 zeigt die Zahl derer, die sich im Jahr 2016 in Bayern neu mit HIV infiziert haben.

Tab. 2: Anzahl der HIV-Neuinfektionen in Bayern im Jahr 2016 (Schätzung des RKI)

Männer ca. 320
Frauen ca. 70
insgesamt ca. 390

Daten: Robert Koch-Institut 2017, HIV/AIDS in Bayern – Eckdaten der Schätzung.

Überblick

Die HIV-Infektion ist eine meldepflichtige Infektion. Die Daten der gemeldeten positiven Testergebnisse werden alljährlich vom Robert Koch-Institut in Berlin in einem Bericht zusammengefasst. Die gesetzlichen HIV-Meldedaten geben keine Auskunft über die Zahl der neu infizierten (Neuinfektionen) im Jahr 2016, sondern nur über die neu diagnostizierten Fälle (Neudiagnosen). Der Grund ist der bisweilen lange Zeitraum, der verstreicht, bis eine HIV-infizierte Person Symptome zeigt bzw. sich einem Test unterzieht. Der Zeitpunkt der Ansteckung kann weit in der Vergangenheit liegen und ist dann zumeist nicht bekannt. Die Infektion kann beispielsweise bereits in 2015 erfolgt sein und wäre damit eigentlich den Neuinfektionen in 2015 zuzurechnen. Wenn der Test aber erst 2016 erfolgt und positiv ist, erscheint dieser Fall im Jahr 2016 als Neudiagnose.

Die meisten, nämlich sieben von zehn der neu diagnostizierten Infektionen (70 %), sind in Deutschland erworben worden. Die nächstgrößere Gruppe ist mit 13 % diejenige, die die Infektion aus Subsahara Afrika mitgebracht hat, gefolgt von denjenigen Personen, die sich in anderen europäischen Ländern angesteckt haben (8 %).

Abgesehen von den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ist Bayern das Bundesland mit der höchsten Rate an Neudiagnosen. Die Stadtstaaten sind bundesweit zwar Spitzenreiter, jedoch können sie inzwischen Rückgänge bei den HIV-Neudiagnosen verzeichnen. Das ist in Bayern anders. Hier wurde zwischen 2015 und 2016 ein Zuwachs beobachtet. Dieser ist mehrheitlich einem ausbruchsartigen Geschehen zuzuschreiben, das sich unter Menschen mit intravenösem Drogenkonsum ereignet hat und weiter unten näher beschrieben wird.

In Fachberichten zur HIV/AIDS-Situation werden üblicherweise vier Gruppen unterschieden, die sich vor allem durch den Weg der Übertragung des HI-Virus abgrenzen lassen:

  1. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)
  2. Heterosexuell orientierte Personen (HET)
  3. Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen (IVD)
  4. Kinder, die sich vor oder während der Geburt infizieren.

Zwischen den vier Gruppen gibt es teilweise erhebliche Unterschiede hinsichtlich der geografischen Herkunft der Infizierten und bezüglich des Anteils der im Ausland erworbenen Infektionen. Diese werden nachfolgend beschrieben. Die Meldungen an das Robert Koch-Institut enthalten mehrheitlich Informationen zur Herkunft der Infizierten, jedoch fehlen in bis zu 15 % der Fälle Angaben zum Infektionsland. Das erschwert die Beurteilung der Entwicklung der HIV-Epidemie in Deutschland.

HIV-Neudiagnosen wurden im Jahr 2016 mehr als viermal so häufig bei Männern wie bei Frauen gestellt. Das liegt vor allem daran, dass die Gruppe der MSM nach wie vor das größte Risiko hat, sich mit HIV zu infizieren (siehe Abbildung 2).

Kreisgrafik der Neudiagnosen nach Infektionswegen

Abb. 2: Anteil der HIV Neuinfektionen (geschätzt) in Bayern im Jahr 2016 nach Infektionswegen
Daten: Robert Koch-Institut 2017, HIV/AIDS in Bayern – Eckdaten der Schätzung

Trends bei den Neudiagnosen

1. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)

In der Gruppe der MSM haben sich neun von zehn Personen (90 %) in Deutschland infiziert, d. h. nur jeder Zehnte dieser Männer bringt seine Infektion aus dem Ausland mit.

Besondere Trends in dieser Gruppe

Der Rückgang der HIV-Neudiagnosen bei MSM zeichnete sich in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohner bereits im Jahr 2013 ab (siehe Abbildung 3). In Städten mittlerer Größe ist ein Abwärtstrend ab 2014 erkennbar. Wenn auch die Infektionsraten dort nach wie vor niedrig sind, ist in den Kleinstädten kein Rückgang erkennbar. Hier ist auch die Zahl der Spätdiagnosen besonders hoch.

Zeitliche Entwicklung der HIV-Neudiagnosen bei MSM zwischen 2008 und 2016 nach Ortsgröße

Abb. 3: Zeitliche Entwicklung der HIV-Neudiagnosen bei MSM zwischen 2008 und 2016 nach Ortsgröße
Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 39/2017

Der Rückgang in den großen und mittleren Städten ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen Teil auf die Aufklärung, sowie die besseren Testangebote und deren Inanspruchnahme zurück zu führen. Das bedeutet: Prävention zeigt Wirkung! Vor allem dort, wo die Testangebote und Versorgungstrukturen gut erreichbar sind.

Logo der HIV-Testwoche 2017Mehr Menschen mit HIV-Infektionsrisiko zum Test zu bewegen: Das ist das Ziel der auf Initiative des Bayerischen Gesundheitsministeriums ins Leben gerufenen Bayerischen HIV-Testwoche. Im November 2017 fand sie bereits zum fünften Mal statt. Wo, wann und wie wird ein HIV-Test durchgeführt? Auf der Webseite testjetzt.de stellen wir ein Verzeichnis aller regelmäßig erreichbaren anonymen und kostenfreien Testmöglichkeiten in den Gesundheitsämtern sowie der Angebote der AIDS-Beratungsstellen und AIDS-Hilfen in Bayern zur Verfügung. Mehr dazu unter testjetzt.de!

2. Heterosexuell orientierte Personen (HET)

Die Zahl der HIV-Neudiagnosen bei Personen mit einer heterosexuellen Orientierung ist im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Dieser Rückgang ist wahrscheinlich in erster Linie mit der deutlichen Abnahme der Flüchtlingszahlen 2016 im Vergleich zum Vorjahr 2015 zu erklären. Im Bundesvergleich erfolgte bei Menschen mit heterosexuellem Übertragungsrisiko der stärkste Rückgang in Bayern.

Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass es in dieser Gruppe besonders viele Menschen gibt, die von ihrer Erkrankung keine Kenntnis haben (etwa 10–15 % mehr als in den anderen Risikogruppen). In Folge ist hier auch die Rate der nicht Therapierten höher.

Besondere Trends in dieser Gruppe

Die Gruppe der HET mit einer HIV-Neudiagnose setzt sich zu zwei Dritteln aus Frauen zusammen. Jede zweite unter den im Jahr 2016 neu diagnostizierten Frauen hatte die Infektion in Subsahara-Afrika erworben (50 %). In Bayern, als Bundesland mit routinemäßiger HIV-Testung von Personen im Asylbewerberverfahren, waren dies sogar 70 %. Zugewanderte Frauen aus Subsahara-Afrika stellten also 2016 den größten Anteil der Neudiagnosen in der Gruppe der HET dar.

3. Menschen, die intravenös Drogen gebrauchen (IVD)

Im Jahr 2016 wurden bundesweit 127 HIV-Neudiagnosen bei Menschen registriert, die intravenös Drogen benutzen. Die Hälfte davon ist deutscher Herkunft (50 %) und etwas mehr als die Hälfte hat die Infektion auch in Deutschland erworben. Migration aus osteuropäischen Ländern, in denen intravenöser Drogenkonsum ein sehr wichtiger HIV-Übertragungsweg ist, könnten zu steigenden HIV-Neudiagnosen in Deutschland in dieser Gruppe beitragen. Fast jede dritte neu diagnostizierte Person mit dem Risiko ‚intravenöser Drogengebrauch‘ kommt aus Ostdeutschland (31 %) und beinahe ebenso viele haben sich auch dort mit dem HI-Virus angesteckt.

Besondere Trends in dieser Gruppe

In Bayern stieg die Zahl der HIV-Erstdiagnosen bei Konsumenten intravenös verabreichter Drogen in den Jahren 2015 und 2016 überzufällig deutlich an (siehe Abbildung 4). Die Personen haben sich vorwiegend in Deutschland infiziert. Die Übertragung ereignete sich in einem sehr engen Zeitfenster. Auffällig ist, dass die Infizierten überwiegend Männer sind, die meisten in der Altersgruppe zwischen 25 und 39 Jahren. Aufgrund des schnellen Anstiegs von Neuinfektionen, des eher seltenen HIV Subtyps C und der regionaler Häufung im Raum München geht das Robert Koch-Institut von einer gemeinsamen Expositionsquelle aus. Gleichzeitig berichteten Drogenhilfeeinrichtungen aus München, dass dort HIV-Neudiagnosen bei Personen mit hoher Injektionsfrequenz von psychoaktiven Drogen (sog. „Badesalze“) bekannt wurden.

HIV- Neudiagnosen in Bayern in der Risikogruppe IVD

Abb. 4: HIV- Neudiagnosen in Bayern in der Risikogruppe IVD (absolute Zahlen)
Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin  39/2017

4. Kinder, die sich vor oder während der Geburt infizieren

Die HIV-Übertragung vor und unter der Geburt ist durch die flächendeckende Vorsorge in Deutschland erfreulicherweise sehr selten geworden. In Deutschland haben sich im Berichtszeitraum weniger als 10 Kinder im Mutterleib oder unter der Geburt mit dem HI-Virus infiziert.

AIDS im öffentlichen Bewusstsein

Wie stark HIV und AIDS im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auch im Jahr 2016 wieder repräsentativ erhoben.

Fast alle jungen Menschen (94 %) erhielten im Verlauf ihrer Schulzeit das zum Schutz vor AIDS notwendige Basiswissen. Anders ist die Situation bei den anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI). So kennt nur knapp die Hälfte der über 16 – jährigen Allgemeinbevölkerung die Krankheiten Syphilis und Gonorrhoe. Eine wesentliche Veränderung in der Bekanntheit einzelner STIs ist seit 1997 nicht festzustellen. Eine grundsätzliche Voraussetzung für die Informiertheit über STI aber ist deren Bekanntheit. Die Sorge vor einer STI ist bei Befragten mit mehreren Sexualpartnerinnen und ‐partnern deutlich verbreiteter als in der übrigen Bevölkerung. Diese führt allerdings nur bei 50 % der Männer und bei 71 % der Frauen zu einem Arztbesuch, um eine mögliche Infektion abklären zu lassen.

Die Bereitschaft, sich bei Sexualkontakten mit Kondomen zu schützen steigt in der Altersgruppe der 16–20 Jährigen weiter an. Dies ist eine Gruppe, die durch Phasen der Partnersuche potenziell häufigere Partnerwechsel hat. Die regelmäßige Kondomnutzung (immer oder häufig) wurde von 75 % der Befragten in dieser Gruppe angegeben. Ungefähr jede zehnte befragte Person verwendet nie Kondome. Die Kondomverwendung von alleinlebenden 16‐ bis 44‐Jährigen liegt mit 60 %  bei Frauen und 70 % bei Männern etwas darunter.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Wissen über den Schutz vor dem HI-Virus gut verbreitet hat. Es erfordert jedoch noch weitere Anstrengungen, die Bekanntheit der anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu erhöhen. Das Kondom bleibt das wirkungsvollste Instrument zum Schutz vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Dennoch sollten auch dessen Grenzen bewusst gemacht werden. Kondome bieten zum Beispiel bei besonderen Sexualpraktiken oder bei Erregern wie dem Hepatitis A Virus, das fäkal-oral übertragen wird, nicht ausreichend Schutz.

Die Berichte „AIDS im öffentlichen Bewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland“ sind abrufbar bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Fazit

Nach wie vor sind Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten am häufigsten von HIV-Infektionen betroffen. Obwohl diese Zahl laut Robert Koch-Institut seit einigen Jahren leicht sinkt, muss diese Risikogruppe im Fokus der Prävention bleiben. Der Rückgang ist dort zu beobachten, wo Test- und Beratungsangebote sowie medizinische Versorgung gut erreichbar sind. Das trifft auf die großen und mittelgroßen Städte zu, während im ländlichen Raum nicht nur kein Rückgang verbucht werden kann, sondern dort auch die Diagnosestellung erst relativ spät erfolgt, mit den Konsequenzen für die unbeabsichtigte Weitergabe des Virus und für den Behandlungserfolg. Die Sicherung niederschwelliger Test- und Beratungsangebote hat größte Bedeutung in der Prävention der HIV-Infektion. Besondere Risikogruppen dürfen nicht vernachlässigt werden.

Im Raum München gab es eine Häufung von Neuinfektionen bei Menschen, die intravenös Drogen konsumieren. Die Neuinfektionen standen in einem engen zeitlichen Zusammenhang und dürften auf dieselbe Expositionsquelle zurück zu führen sein. Dies deutet auf die Vulnerabilität der Risikogruppe der Menschen, die intravenös Drogen konsumieren, hin. Sie zeigt aber auch die Bedeutung der Verfügbarkeit steriler Nadeln und Spritzen, sowie die Aufklärung über die besonderen gesundheitlichen Risiken dieser Menschen. Dass sich die Zielgruppe diese Maßnahmen auch selbst wünscht, konnte die DRUCK-Studie belegen (siehe auch: www.zpg-bayern.de/forum-aids-praevention.html).

Asylsuchende aus Subsahara-Afrika werden auch weiterhin in Deutschland eintreffen. Auch wenn sie zahlenmäßig eine kleine Gruppe sind, bringen sie doch aufgrund der Verbreitung der Infektion in der Heimat ein hohes Risiko für eine HIV-Infektion mit. Eine angemessene Beratung und medizinisch-therapeutische Versorgung sollten für sie verfügbar sein. Ein besonderes Augenmerk sollte in dieser Zielgruppe den Frauen gelten, die nicht nur zuhause, sondern auch auf dem Fluchtweg Risikosituationen ausgesetzt sind und sich häufig im gebärfähigen Alter befinden.

Die Verwendung des Kondoms ist ein guter Schutz nicht nur vor einer HIV – Infektion, sondern auch vor fast allen anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen. Seine Akzeptanz hat vor allem in der nachwachsenden Bevölkerung stetig zugenommen.

Quellen:

Stand: 29.November 2017