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Die Kindersprechstunde im Bezirkskrankenhaus Augsburg

Hilfen, Beratung und Information für Kinder psychisch kranker Eltern

Sabine Kühnel, Bezirkskrankenhaus Augsburg Livia Koller, St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Augsburg

Ausgangssituation:
Die „vergessenen kleinen Angehörigen“

Wenn die Mutter oder der Vater psychisch erkrankt, bedeutet das für die Familie eine erhebliche Belastung, denn nicht nur der erkrankte Elternteil ist von den Folgen der psychischen Erkrankung betroffen, sondern auch die Angehörigen, das heißt der Partner/ die Partnerin und ganz besonders die Kinder.

Die Kinder wurden lange Zeit von der Fachwelt in doppelter Weise übersehen: Einerseits wurde die Behandlung der Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie meist ohne Einbezug der Elternrolle und der emotionalen Situation der Kinder durchgeführt, während andererseits die Kinder- und Jugendhilfe keine präventiven Angebote für diese Hochrisikogruppe entwickelte und meist erst spät intervenierte.

Dabei sind die Kinder psychisch kranker Eltern, auch bzw. gerade wenn sie noch nicht auffällig geworden sind, besonderen Stress- und Risikofaktoren ausgesetzt. Sie befinden sich in einer deutlich belastenden familiären, emotionalen und sozialen Situation. Die psychiatrische Erkrankung ist kein isoliertes Einzelschicksal, sondern wirkt sich unspezifisch auf viele verschiedene Lebensbereiche des Kindes aus.

Abbildung 1: Kinderzeichnung „Das bipolare Monster“, entstanden im Rahmen der Kindersprechstunde am Bezirkskrankenhaus AugsburgSo leiden die Kinder zunächst unter den verunsichernden und verwirrenden familiären Veränderungen, die eine psychische Erkrankung mit sich bringt. Sie fühlen sich alleingelassen, weniger wahrgenommen und müssen mit einem Defizit an Aufmerksamkeit, Zuwendung und Versorgung zurechtkommen. Angst und Hilflosigkeit macht sich breit, wenn ein Kind merkt, dass die Mutter oder der Vater nicht mehr so fröhlich, leistungsfähig oder ansprechbar wie früher ist.

Sie versuchen sich der veränderten Situation zuhause anzupassen, übernehmen Elternaufgaben (Haushalt, Versorgung der jüngeren Geschwister und anderes), sorgen sich um die Befindlichkeit des erkrankten Elternteils und müssen ihre eigenen kindlichen Bedürfnisse meist zurückstellen. Zusätzlich fühlen sie sich oft schuldig und verantwortlich für die elterliche Erkrankung.

Vor allem aber fehlt es ihnen an Information über die Erkrankung und sie fühlen sich häufig mit ihren Fragen alleingelassen, weil innerhalb der Familie nicht offen über die Krankheit gesprochen wird. Oftmals herrscht in der Familie Schweigen oder es liegt ein implizites Kommunikationsverbot sowie die Tendenz zur Tabuisierung und Verheimlichung der Krankheit vor. Dass die Familie nach außen hin intakt erscheint, ist eine wichtige Motivation dabei, denn die Scham der Kinder ist groß. Sie schämen sich, dass bei ihnen zuhause „was anders“ ist, keine aufgeräumte Wohnung, kein Essen auf dem Tisch, keine harmonische Familienstimmung … Und sie sind bemüht, meist in Loyalität zu den Eltern, dass Nachbarn, Freunde, Lehrer nichts von der psychischen Erkrankung mitbekommen.
Durch die Abschottung der Familien nach außen geraten die Kinder häufig in eine Isolation, die sie auch ausgrenzt von sozialen Unterstützungsangeboten und Hilfsmöglichkeiten. Kinder glauben nicht selten, dass sie ihre Eltern verraten würden, wenn sie sich einer außenstehenden Person anvertrauen und sie wissen oft auch gar nicht, wie sie diese Sprachlosigkeit bezüglich der Erkrankung überwinden sollen.

Zusätzlich stoßen Kinder und Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld auf Ablehnung und erleben eine Entwertung ihres kranken Elternteils. Sie sind von der gesellschaftlichen Stigmatisierung psychischer Krankheit betroffen („dein Papa ist in der Klapse …“), was Schamgefühle und soziale Rückzugstendenzen zur Folge hat. Die allgemeine Abwertung der Psychiatrie als angstauslösender und deswegen auszugrenzender Bereich des Abnormalen verstärkt die Tendenz, die Erkrankung nicht zu benennen, sondern totzuschweigen oder zu verheimlichen.

Aufgrund dieses großen Informationsdefizits über die psychische Erkrankung benötigen die Kinder mit psychisch kranken Eltern eine dem Entwicklungsalter angemessene Aufklärung über das entsprechende Störungsbild, eine Erklärung der Symptome und ein Aufzeigen der Behandlungsmöglichkeiten, um entstandene Desorientierung, Ohnmacht, Angst und Schuldgefühle zu reduzieren.

Die von psychischer Krankheit betroffenen Eltern haben oftmals Schwierigkeiten, die belastende Situation auch im Sinne ihrer Kinder zu bewältigen. Die erkrankten Elternteile fühlen sich in der akuten Krise mit ihren Erziehungsaufgaben überfordert und befürchten oftmals, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten, wenn die psychische Krankheit öffentlich wird. Die gesunden Elternteile sind unsicher im Umgang mit der psychischen Erkrankung und nicht selten mit der Betreuung des erkrankten Partners und der Erziehung der Kinder sowie mit der Organisation des Familienalltags überfordert. Sie wissen nicht, wohin sie sich mit ihren Sorgen und Ängsten bezüglich ihrer Kinder wenden können oder haben oft auch Hemmungen, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

Aufgrund der Krankheit, aus Unkenntnis oder aus Angst fällt es vielen betroffenen Eltern schwer, Hilfe für sich und für ihre Kinder anzunehmen. Das Bezirkskrankenhaus Augsburg hat in Kooperation mit der St. Gregor-Jugendhilfe seit 2007 mit der Kindersprechstunde ein Angebot in Augsburg geschaffen, das im Sinne der PRÄVENTION von psychischen Störungen speziell für Kinder mit psychisch kranken Eltern Information, Beratung und Hilfen anbietet.

In diese Anlauf- und Beratungsstelle können die von psychischer Krankheit betroffenen Familien mit ihren Fragen und Verunsicherungen, mit ihren Ängsten  und Sorgen, Schuld- und Schamgefühlen kommen, um Antworten und Entlastung zu erhalten. Der kinderfreundliche Raum im Bezirkskrankenhaus stellt für die betroffenen Familien ein niederschwelliges Angebot von Beratung und Hilfe bei der Bewältigung der durch die psychische Erkrankung entstandenen Belastungen dar.

Neben der individuellen Beratung der psychiatrischen Patienten und ihrer kleinen Angehörigen durch Einzel-und Familiengespräche, kinderpsychologischer Beratung und Vermittlung von weiteren Hilfen gibt es im
Rahmen der Kindersprechstunde auch das Angebot einer Kindergruppe. Hier treffen sich 6- bis 12-jährige Kinder von Patienten, um sich kindgerecht mit den verschiedenen psychischen Krankheiten und deren Auswirkungen auseinanderzusetzen und dabei die eigenen Gefühle und Belastungen wahrzunehmen und auszudrücken. In der Kindergruppe erleben sie, dass es andere Kinder gibt, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Die Erfahrung in der Gruppe „Ich bin damit nicht allein, anderen geht es auch so wie mir“ schafft ein entlastendes Gefühl und lässt eine große Offenheit der Kinder untereinander entstehen.

Diese Gruppenstunden, die neben „schweren Themen“ vor allem viel Raum bieten für Spiel und Spaß, Basteln und Backen, Ausflüge und kreative Angebote, stellen für die betroffenen Kinder eine besondere Attraktivität dar.

Ziele des Projekts

Die in Jugendhilfe und Psychiatrie vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen werden zugunsten der betroffenen Familien zusammengebracht, damit die Hochrisikogruppe „Kinder von psychisch kranken Eltern“ Hilfen zur Reduzierung der psychosozialen Belastungsfaktoren erfahren.

Betroffene Eltern und Angehörige sollen Hilfs- und Beratungsangebote nutzen können, die in ihrem Erziehungsalltag und in Krisenfällen Unterstützung bieten.

Ziel ist es also, die Lebenssituation der Kinder mit psychisch kranken Eltern zu verbessern, um somit psychischen Störungen der Kinder vorbeugen zu können.

Präventionsaspekt

  • Erfassung der oft „vergessenen kleinen Angehörigen“
  • Schaffung eines Problembewusstseins für diese Hochrisikogruppe
  • Verminderung des bei diesen Kindern erhöhten Risikos, selbst psychische Auffälligkeiten oder Erkrankungen zu entwickeln
  • Verringerung der psychosozialen Belastungsfaktoren
  • kindgerechte Psychoedukation über psychische Erkrankungen
  • Überwindung von Tabuisierung und Sprachlosigkeit
  • Abbau von Ängsten gegenüber Jugendamt und Psychiatrie
    Kooperationssaspekt
  • Entwicklung eines Hilfsnetzwerks für betroffene Familien
  • Vermittlung von geeigneten Hilfemaßnahmen
  • bessere Kooperation der bestehenden Versorgungssysteme und Dienste von Jugendhilfe und Psychiatrie

Zielgruppe

Die Kindersprechstunde ist ein niederschwelliges Angebot für alle psychisch kranken Eltern, die im Bezirkskrankenhaus Augsburg in ambulanter oder stationärer Behandlung sind oder waren und die Beratung in Bezug auf ihre minderjährigen Kinder benötigen.

Sie dient auch als Anlaufstelle für Angehörige und Bezugspersonen sowie für Fachkräfte aus verschiedenen Institutionen, die Fragen zum Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ haben.

Abbildung 2: Raum der Kindersprechstunde im BKH AugsburgPersonelle und räumliche Ausstattung

Im Jahr 2007 startete die Kindersprechstunde mit einem Beratungsangebot von sieben Stunden durch eine Diplom-Psychologin mit Ausbildung in Kinder- und Jugendli­chenpsychotherapie. Durch die starke Nachfrage wurde 2010 die Beratungs­tätigkeit auf 12 Wochenstunden erhöht.
Die Kindersprechstunde findet in einem eigens dafür eingerichteten „Spielzimmer“ im Bezirkskrankenhaus Augsburg statt.

Aufgaben und Angebote der Kindersprechstunde

  • Prävention
    Erfassung von Kindern psychisch kranker Erwachsener in der Klinik
  • aufsuchende Hilfsangebote (Hausbesuche)
  • Psychoedukation der Kinder, das heißt einfache, altersangemessene Information über die Krankheit
  • kinderpsychologische Diagnostik von Störungen, Entwicklungsrückständen, Auffälligkeiten
  • Einzelarbeit mit Kindern (Entlastung, Unterstützung, Problembearbeitung)
  • Verringerung der psychosozialen Belastungsfaktoren
  • Suche nach (bzw. Hilfe beim Aufbau) einer tragfähigen, stabilen Beziehung zu nahestehender Bezugsperson

Beratung

  • der betroffenen Eltern und/oder der gesunden Elternteile in Fragen der Erziehung und der Unterscheidung „normaler“ versus „krankheitsbedingter“ Probleme
  • der Kinder: Umgang mit der Krankheit, Hilfe bei der emotionalen und kognitiven Orientierung, Ermutigung zum Aufbau von Autonomie, Ablösung und Sozialkontakten, Klärung von Schuld- und Schamgefühlen, Strategien im Umgang mit Stressoren / Belastungssituationen usw.
  • von Fachkräften im Lebensraum des Kindes (Schule, Kindergarten, Jugendhilfe)

Abbildung 3: „Das bipolare Monster“Abbildung 4: „Wie der Arzt meine Mama vom Monster befreit“

Therapie

  • Einzelarbeit mit Kindern und Jugendlichen (Kinderspieltherapie/Gesprächstherapie) zur akuten Problembearbeitung und Entlastung
  • Vermittlung von Therapieangeboten und -plätzen
  • Gruppenangebote : Kleine-Angehörigen-Gruppe für Kinder zwischen sechs und 12 Jahren

Kooperation

  • mit Jugendämtern
  • mit Jugendhilfeeinrichtungen
  • mit medizinischen Versorgungssystemen
  • mit niedergelassenen Psychiatern, Sozialpsychiatrischen Diensten usw.
  • mit Behörden
  • mit anderen bereits etablierten Beratungsstellen (z.B. FIPS im Bezirkskrankenhaus Günzburg)

Krisenintervention

  • aktive Sorge für den Schutz der Kinder, falls Kindeswohlgefährdung vorliegt
  • Erstellung eines kindbezogenen Notfall- und Krisenplans für den Fall einer Eskalation in der Familie

Abbildung 5: Zeichnung aus dem Buch zum Projekt „Bei mir zuhause ist was anders – Was Kinder psychisch kranker Eltern erleben“Abbildung 6: Zeichnung aus dem Buch zum Projekt („Ich liebe meine Mama bis zum tiefsten Meeresboden und bis in das Universum“)

Öffentlichkeitsarbeit

  • Aufklärung, Information über Anlaufstelle (Flyer)
  • Pressearbeit, Website
  • Arbeitskreis „Kinder psychisch kranker Eltern“
  • Fachtagungen, Vorträge, Fortbildungsangebote

Finanzierung

Für ein Angebot dieser Art besteht mangels gesetzlicher Grundlage keine Möglichkeit der Regelfinanzierung. In Folge dessen wurde das Projekt anfänglich über Spenden finanziert. Mit zunehmendem Bedarf, der im Verlauf immer deutlicher wurde, erwies sich diese Art der Finanzierung als nicht kostendeckend.

Um das Angebot für die betroffenen Kinder weiter aufrecht zu erhalten, wurde die Finanzierung neu aufgestellt. Die Kindersprechstunde wird derzeit aus Eigenmitteln der Bezirksklinken Schwaben getragen. In welchem zeitlichen Rahmen und Umfang dieses Projekt weiter vorgehalten werden kann, ist daher ungewiss.

Initiatoren des Projekts

Bezirkskrankenhaus Augsburg,
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik,
Akademisches Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Max Schmauß

St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe  der katholischen Waisenhaus-Stiftung Augsburg
Direktor Otto Bachmeier

Sabine Kühnel
Dipl.-Soz.-Päd., Sozialdienst BKH Augsburg

Livia Koller
Dipl.-Psych., St. Gregor Jugendhilfe Augsburg

Kontakt

Bezirkskrankenhaus Augsburg
Sabine Kühnel
Dr. Mack-Straße 1, 86156 Augsburg
Telefon: 0821 4803-1530
sabine.kuehnel@bkh-augsburg.de